Die Orte, an denen wir leben

“If we tell people about our house, will anyone believe us?”

[Persönliche Anmerkung vorweg: Keine Angst, dieser Blog ist nicht dem Trend zum Blogtod erlegen – vielmehr bin ich seit einiger Zeit im Umzug. Nicht auf einen anderen Server, sondern so richtig – in der realen Welt: Mit Kistenschleppen, Handwerkern, die nicht kommen und Ärger mit Telekommunikationsanbietern. Und weil es sich um einen Umzug mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad handelt, wird wohl bis Ende November hier auch nicht viel Neues zu lesen sein.]

Zum Thema “Umzug” passend, und weil es vielleicht hilft mal wieder die Welt aus einer anderen Perspektive als dem aktuellen Stand von DaxDowNasdaqNikkei-und-wie-sie-alle-heißen wahrzunehmen, seien die geneigten Leser auf das Projekt: “The Places We Live” des Magnum-Fotografen Jonas Bendiksen hingewiesen.

Nach Angaben der Vereinten Nationen leben gegenwärtig mehr als eine Milliarde Menschen in Slums. Bendiksen hat Slums in vier Städten besucht und portraitiert – ohne auf die Sensation der Extreme zu setzen – das Leben von jeweils vier Haushalten. Ein oft wiederholter Gemeinplatz besagt, Fotojournalismus im emphatischen Sinn sei heute ohne Bedeutung, weil er seine Hauptfunktion verloren habe. In der Hochzeit des Genres (1930er–1960er) hätten die Bilderstrecken in Magazinen wie “Life”und “Paris Match” den Betrachter an für ihn ferne, unerreichbare Orte geführt – aber in den Zeiten des Massentourismus sei kein Ort mehr unerreichbar, kein Winkel der Erde mehr unbekannt.

Nach meiner unerheblichen Ansicht beweist Bendiksens Arbeit das Gegenteil: Die unerreichbaren, unbekannten Orte existieren und vielleicht lebt sogar der Großteil der Menschheit an solchen Orten.

Und falls man sich noch an die Kaukasus-Krise aus dem Sommer erinnert, dann sei ein Blick auf Bendiksens Buch “Satellites” über das Leben in den (nicht-)autonomen Regionen der ehemaligen Sowjetunion empfohlen. (Auch als Magnum in Motion-Essay).