„Pornographie“ als Notwendigkeit eines literarischen Programms

Die häufigsten Kritikpunkte an Jonathan Littells Die Wohlgesinnten lauten: „Kitsch“, „Pornographie“ und exzessive Gewaltdarstellungen á la Splatter-Movie. Die Frage ist: Findet man diese Aspekte in dem Roman, und wenn ja: Handelt es sich tatsächlich um literarische Unzulänglichkeiten?

(Nach Lektüre der Hälfte des Romans, scheint mir die Kritik an dem Text vorbeizugehen, die Kritiker – allen voran Iris Radisch – ihn gründlich misszuverstehen.)

Die Wohlgesinnten sind ein literarisches Experiment, dessen Programm Littell im ersten Kapitel – eigentlich schon in den ersten beiden Sätzen – formuliert und das er dann konsequent durchzieht (zumindest soweit meine Lektüre inzwischen fortgeschritten ist).

Aufgrund der Dimension des Verbrechens kann der Holocaust nicht einfach als Werk von Psychopathen erklärt werden. Bei einem Großteil der an der Durchführung und Organsiation der Verbrechen beteiligten muss es sich um sogenannte „normale“ Menschen gehandelt haben. Wie konnten zivilisierte, empfindsame Menschen diese Verbrechen begehen, wie konnten sie ihre Taten überhaupt selbst ertragen? Und im Umkehrschluss: Wenn der Holocaust das Werk zivilisierter Menschen ist, müssen wir dann nicht annehmen, dass auch alle anderen zivilisierten Menschen – also auch wir – in der Lage sind, ähnliche Taten zu begehen?

Alle Aspekte des Werkes scheinen konsequent auf diese literarische Versuchsanordnung hin angelegt zu sein: die Person des Protagonisten, die Sprache, die expliziten Darstellungen Aues sexueller Phantasien, das detaillierten Ausmalen der Gewalt – wobei insbesondere aus den beiden letztgenannten Aspekten der Pornographie-Vorwurf resultiert.

Das subjektive Erleben ist der Bereich der Literatur. Wer die Frage nach den Tätern stellt, die Frage wie diese ihre Taten überhaupt ertragen konnten, muss die Taten schildern. Der Verweis auf die Statistik führt dabei ebensowenig weiter wie der auf die aus Film, Fernsehen und Geschichtstunterricht bekannten Tatsachen:

„Das Fernsehen überschüttet uns mit Zahlen, die nicht mit Nullen geizen. Aber wer von Euch hält einmal inne, um sich die Zahlen wirklich zu vergegenwärtigen?“ [S.24]

Ein Wort wie „Exekution“ abstrahiert – Littell aber will seinen Protagonisten – und damit auch den Leser – mit der Gewalt des Geschehens konfrontieren. Der Schock-Effekt der expliziten Schilderungen ist gewollt und Teil des literarischen Konzepts. Der Begriff „Pornographie“ (im Gegensatz zur „Erotik“) ist in diesem Sinne zutreffend, denn in der Tat lassen die Schilderungen der Phantasie wenig Raum. Allerdings: Was wäre die Alternative? Eine weniger detaillierte, mehrdeutigere, gleichsam „poetischere“ Schilderung der Gräuel wäre vielleicht weniger „pornographisch“ dennoch ungleich obszöner.

Littell – Jahrgang 1967 – schildert aus der Distanz des Danach-Geborenen (und wahrscheinlich kann er nur als solcher – unbelastet von persönlichen Traumata – die Verbrechen derart explizit und detailreich schildern). Max Aues Krieg ist Littells Kriegsphantasie, gespeist aus seinen Recherchen und medialen Klischees.

Daraus kann man ihm keinen Vorwurf machen: Die Wohlgesinnten sind ein fiktionales Werk und ein historischer Roman hat einen anderen Anspruch auf Wahrheit (nämlich der künstlerischen) als ein Augenzeugenbericht. (Es hat ja wohl auch noch nie jemanden gestört, dass Umberto Eco kein mittelalterlicher Mönch ist …).

Dass der Aues „Bericht“ auch da, wo er den Stand der historischen Forschung repräsentiert, notwendig ein Bericht aus zweiter Hand bleiben muss, thematisiert Littell dabei sowohl im- als auch explizit. Explizit am Beispiel des Berichtes seines Freundes Thomas über Aues Verwundung:

„… eine Erzählung, sicherlich wahrheitsgemäß, aber eben doch nur eine Erzählung …“ [S.613]

Implizit, wenn er den Roman mit Verweisen auf die Populärkultur spickt: Auf Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder den Bond-Bösewicht Blofeld. [Vgl. S.639]

„Pornographie“ finden aber die Kritiker nicht nur im übertragenen Sinne im Zusammenhang mit der Schilderung von Gewalt in den Wohlgesinnten. Auch der Schilderung Aues sexueller Erlebnisse (auf die Funktion der Homosexualität bin ich ja schon im Leselog eingegangen) und vor allem seiner sexuellen Phantasien stösst einigen Rezensenten sauer auf.

Abgesehen davon, dass möglichst explizite Schilderung möglichst ungewöhnlicher sexueller Praktiken gemeinhin gerne als Kennzeichen des avantgardistischen Charakters eines literarischen Werkes verstanden wird, ignoriert meines Erachtens der Pornographie-Vorwurf die Funktion der betreffenden Textstellen für Littells literarisches Konzept.

Indem Littell diese Szenen in Nähe zur Pornographie anlegt (möglicherweise auf die sexuelle Erregung des Lesers spekuliert) versucht er den Leser im Sinne seiner literarischen These gleichsam bei den Eiern zu packen. Aue erkennt:

„Das ekelte mich an und beunruhigte mich zugleich, weil ich nun wusste, dass auch das … in mir lebte und dass meine Liebe auch daraus bestand.“ [S.688]

Das darf der Leser auf sich selbst übertragen: Die Sexualität als einerseits sehr stark in der tierischen Natur des Menschen wurzelnder andererseits von einem Netz zum Teil widersprüchlicher gesellschaftlicher Konventionen überzogener Bereich ist sicher geeignet, das persönliche Postulat einer moralischen Überlegenheit einer selbstkritischen Prüfung (mit wahrscheinlichem negativem Ausgang: Es werfe den ersten Stein, wer ohne – zumindest gedachte – „Sünde“ ist) zu unterziehen.

Dieses Verfahren kann man als literarischen Taschenspieler-Trick oder Raffinesse des Autors werten – es ohne Anerkenntnis als „Pornographie“ zu verwerfen, erscheint mir aber zu billig. Wie mir überhaupt die zahlreichen pauschalen Verrisse der Wohlgesinnten das eigentliche Skandalon des Romans beharrlichen zu ignorieren versuchen: Seine Behauptung, auch wir, die Leser, hätten zum Täter werden können, könnten zum Täter werden …

Anmerkung:
Alle Seitenangaben und Zitate soweit nicht anders angegeben:
Littell, Jonathan: Die Wohlgesinnten. Berlin 2008.