„300“ oder: Eine kurze „Zu-Hybrid-Film“-Theorie

Nachdem nun schon über eine Woche eine nahezu fertige Blitz-Kritik zu „300“ bei mir rumlag, hier nun in aller Kürze und stark überarbeitet meine Eindrücke vom Sandalenfilm des Jahres. (Wobei das Thema „Riefenstahl-Ästhetik“ ausgeklammert werden soll. Das bedürfte einer ausführlicheren Betrachtung …)

Dass „300“ in Feuilleton und Blogosphäre so heftig diskutiert wird, verwundert nicht. Der Film ist eine höchst hybride Angelegenheit. Zu seinem Nachteil allerdings nicht nur als ästhetischer Hybrid zwischen Spielfilm und Comic (ober präziser: Graphic Novel), sondern auch durch die Inkonsequenz mit der diese Ästhetik verwirklicht wird.

Sicher: Der Film hat viele bildmächtige Momente, in denen Bildgestaltung, Kameraführung und Schnitt eine filmische Analogie zu Einzelbildern des Comics gelingt. Die Schlacht am Thermopylen-Pass datiert in eine Epoche, die so weit von der Lebenswelt des Zuschauers entfernt ist, dass der Abstand mit dem gängigen Pseudo-Realismusdes Historienfilms nur um den Preis der Zuschauerverblödung zugekleistert werden könnte. Die artifizielle Optik des Films ist insofern eine Form der angemessenen Behandlung des Themas.

Der Optik entspricht die grundsätzliche Erzählhaltung: Die Charaktere erscheinen als Masken. Der Verzicht auf psychologische Motivation ihres Handelns ist gewollt. Das gleichsam „mythische“ Pathos der Erzählung wahrt die Distanz zu den Spartanern. Die Illusion deren „Blut, Freiheit, Ehre“-Ideologie sei in aktuelles Gedankengut (selbst wo dieses auf den nominell gleichen „Werten“ beruht) zu übersetzen, wird über weite Strecken des Filmes vermieden.

Auch wenn das anderswo bestritten wurde: „300“ hat eine Handlung. Dass diese aber mehr durch die Stimme aus dem Off als mit visuellen Mitteln erzählt wird, kann eigentlich nur als mangelndes Vertrauen von Regisseur und/oder Produzenten in ihr ästhetisches Konzept oder die Intelligenz ihrer Zuschauer verstanden werden.

Der Off-Erzähler bleibt dabei nicht der einzige Rückfall in konventionelle filmische Mittel. Weder die emotionale Distanz zu den Akteuren noch die Optik wird durchgehalten. Szenenweise stand eher die Frühstücks-Cerealien-Werbung (Kind rennt durch sepiagetöntes Kornfeld) als die Graphic Novel Pate für die Bildgestaltung. Das politische Geschehen in Sparta wird kräftig menschelnd geschildert. Der Soundtrack ist erstaunlich konventionell und drückt kräftigst auf die Emotionstube.

„300“ kann sich nicht entscheiden, ob er ein Bastard aus Werbeclip und Hörbuch oder ein Hybrid aus Spielfilm und Comic sein will. Diese Unentschiedenheit dürfte einer der Gründe für die kontroverse Diskussion des Werkes sein. Wobei der Film sich – selbst in dieser inkonsequenten Gestalt – bis kurz vor Ende eine Qualität bewahrt: den Verzicht auf eine explizite Verknüpfung der Geschichte mit der Politik der Gegenwart.

Der Leser ahnt dass entscheidende „Aber“: Die letzten Seiten des Drehbuches wurden anscheinend mit einer Rede von George W. Bush vertauscht. Das antike Geschehen wird mit dem sog. „Krieg gegen den Terror“ enggeführt, die simpel-gestrickte Spartaner-Ideologie als Vorbild gepriesen. Auf letzten Filmmetern soll dem Zuschauer auf den letzt noch ein Xerxes für ein Usama vorgemacht werden. Das ist ebenso überflüssig wie inkonsistent.

Fazit: In Ansätzen bleibt erkennbar, dass „300“ ein wirklich unkonventioneller Film hätte werden können. Aufgrund mangelnder Konsequenz hat es aber nur zu einem unausgewogenen Hybriden gereicht. Verpasste Chance des Jahres.