{"id":92,"date":"2006-11-28T18:35:58","date_gmt":"2006-11-28T16:35:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=92"},"modified":"2006-11-28T18:35:58","modified_gmt":"2006-11-28T16:35:58","slug":"mit-sappho-nach-hiroshima","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=92","title":{"rendered":"Mit Sappho nach Hiroshima."},"content":{"rendered":"<p>Nietzsche fragte, welche \u201eNothlage\u201c die antiken Griechen  \u201eabsurd-vern\u00fcnftig\u201c werden lie\u00df* \u2013 Spiegel-Leser wissen seit gestern mehr: Die Griechen haben sich zur Philosophie durchgev\u00f6gelt.<!--more--><\/p>\n<p>\u201eNach Ansicht vieler Experten\u201c gilt laut Spiegel-Autor Matthias Schulz: \u201eDas Land stieg zur Topkultur auf, weil es die Sexualit\u00e4t produktiv f\u00fcr sein Handeln nutzte.\u201c (Spiegel 48\/06, S. 193)<\/p>\n<p>Leider verr\u00e4t der Autor das Gebiet der Expertise der angesehenen Experten ebensowenig wie er seine steile These mit stichhaltigen Argumenten unterf\u00fcttert. Andere m\u00f6gliche Ursachen des Abstraktionssprunges in der Antike \u2013 wie die Einf\u00fchrung des M\u00fcnzwesens in Milet  und die Problematik der fortschreitenden Parzellierung des Landbesitzes \u2013 werden zwar beil\u00e4ufig erw\u00e4hnt, aber nicht weiter verfolgt.<\/p>\n<p>Muss wohl auch nicht \u2013 handelt der Text bei genauerer Betrachtung doch mehr von der Ideologie der Gegenwart als der Vernunft der Vegangenheit. Das antike Griechenland according to Schulz unterscheidet sich nur wenig von der Epoche des globalisierten Neoliberalismus. Von anderen Epochen, die Objekt popul\u00e4rstwissenschaftlicher Geschichtsschreibung wurden, unterscheidet sie ohnehin nichts.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der Textmenge besteht aus der unzusammenh\u00e4ngenden Beschreibung von technischen H\u00f6chstleistungen und pittoresken kulturellen Praktiken \u2013 unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der Sexualit\u00e4t. Demokrit, dessen Atomtheorie angeblich geradewegs nach Hiroshima f\u00fchrte, darf ebensowenig fehlen wie Sappho, deren \u201eHeimatinsel Lesbos zum Symbol gleichgeschlechtlicher Liebe wurde\u201c (S. 205) und die \u2013 so legt der Text nahe \u2013 als Urmutter aller \u201eSchwulen- und Lesbenparaden\u201c angesehen werden muss.<\/p>\n<p>Der Nachweis der geschichtlichen Kontinuit\u00e4t von Sappho zur Atombombe ist dabei ungleich wichtiger f\u00fcr die ideologische Funktion des Textes als die Darstellung pikanter Details (\u201eScherben, bemalt mit akrobatischen Sexualakten\u201c \u2013 S. 191) ist. Man kann sich des Eindruckes schwer erwehren, dass diese Geschichtsaufkl\u00e4rung in erster Linie der Rechtfertigung der Gegenwart dienen soll.<\/p>\n<p>So haben wir uns laut Schulz die alten Griechen als wirtschaftsliberale Global \u2013 oder zumindest Mediterranean \u2013 Player vorzustellen: \u201eWo es m\u00f6glich war, st\u00e4rkten sie die Privatinitiative und f\u00f6rderten den Wettbewerb. Steuern waren fast unbekannt.\u201c (S. 200) Ob die Flat-Tax-Griechen B\u00fcrgerversicherung oder Kopfpauschale bevorzugten bleibt allerdings leider unerw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Wo die Geschichte nicht passt, wird sie passend gemacht und Thales als hauptberuflicher \u00d6lm\u00fchlen-Spekulant, der Mathematik und Philosophie nur als Hobby pflegte, vorgestellt. Soweit ich mich ans Philosophiestudium erinnere, wird das bei Aristoteles eher andersrum geschildert \u2026<\/p>\n<p>Wobei Thales noch besser wegkommt als Sokrates, Platon und Aristoteles. F\u00fcr  die  \u201eersten Vorarbeiten\u201c (S. 192) zum Bau von Raketen und der Erforschung Schwarzer L\u00f6cher (und ich dachte nach \u201e2001\u201c immer, das w\u00e4ren die Neandertaler gewesen\u2026) gibt\u2018s gleich mehr als nur eine lobende Erw\u00e4hnung von Schulz. W\u00e4hrend den bis heute einflussreichsten antiken Philosophen nur ein kleiner Absatz gewidmet wird.<\/p>\n<p>\u201eDas gesamte fr\u00fche Griechentum\u201c, das uns nach der obligaten rhetorischen Figur am Anfang, \u201efern und r\u00e4tselhaft\u201c anmutet (S. 191), teilt mit den Bundesb\u00fcrgern nicht nur die Sorge um Ballistik- und Steuerkurven, vielmehr wird es von Schulz zielsicher in einem nur allzu vertrauten Kampf der Kulturen positioniert: Gegen den \u201eOrient\u201c, wo \u201e\u00fcberall der s\u00fc\u00dfe Duft der Religion wogte\u201c (S. 192). Denn: \u201eWestlicher Wissensdurst contra \u00f6stliche Glaubenskraft \u2013 diese Front ist immer noch aktuell.\u201c (S. 193)<\/p>\n<p>Mittels einer gemeinhin als Recherche bekannten journalistischen Technik h\u00e4tte Schulz erfahren k\u00f6nnen, dass Sokrates den Schierlingsbecher nicht aufgrund von Verst\u00f6ssen gegen das athenische Steuerrecht \u2013 und auch nicht aufgrund von Verletzung der Scharia \u2013 \u00fcberreicht bekam. Und dass die von ihm  behauptete kulturelle abendl\u00e4ndische Kontinuit\u00e4t von der Antike in die Gegenwart \u00fcberhaupt nur m\u00f6glich ist, weil im Mittelalter islamische Gelehrte das mathematische und philosophische Wissen der alten Griechen als Re-Import ins Abendland brachten.<\/p>\n<p>Die Behauptung eines kontinuierlichen Kulturkampfes zwischen Orient und Okzident ist daher ebenso so unsinnig wie die Erkl\u00e4rung antiker kultureller Bl\u00fcte aus der \u201eBejahung des Geschlechtstriebes\u201c (S. 193). Beides geh\u00f6rt eher zum Bild der Gegenwart.<\/p>\n<p>Wobei aus der umstandslosen Bejahung von Geschlechtstrieb und Unternehmergeist in der Moderne nicht unbedingt auf eine gegenw\u00e4rtige Bl\u00fcte der Vernunft zu schliessen ist. Nach Lekt\u00fcre dieser \u201eEntdeckung der Vernunft\u201c, dr\u00e4ngt sich vielmehr der Verdacht auf, dass in Platons H\u00f6hle langsam das Licht ausgeknipst wird.<\/p>\n<p>*) Vgl. \u201eG\u00f6tzend\u00e4mmerung\u201c in KSA, BD. 6, S. 72 \u2013 oder <a target=\"_blank\" title=\"Auschnitte bei WikiSource\" href=\"http:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/G\u00f6tzen-D\u00e4mmerung\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nietzsche fragte, welche \u201eNothlage\u201c die antiken Griechen \u201eabsurd-vern\u00fcnftig\u201c werden lie\u00df* \u2013 Spiegel-Leser wissen seit gestern mehr: Die Griechen haben sich zur Philosophie durchgev\u00f6gelt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,12],"tags":[184,183,182,187,186,180,185,181],"class_list":["post-92","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erkenntnis","category-text-kritik","tag-antike","tag-griechenland","tag-philosophie","tag-platon","tag-sokrates","tag-spiegel","tag-thales","tag-vernunft"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=92"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=92"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=92"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=92"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}