{"id":81,"date":"2006-10-21T22:13:36","date_gmt":"2006-10-21T20:13:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=81"},"modified":"2006-10-21T22:13:36","modified_gmt":"2006-10-21T20:13:36","slug":"%e2%80%9e-%e2%80%a6-schneller-kauen-oder-beten-%e2%80%a6%e2%80%9c-%e2%80%93-rezension-hartmut-rosa-%e2%80%9ebeschleunigung%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=81","title":{"rendered":"<i>\u201e \u2026 schneller kauen oder beten \u2026\u201c <\/i>\u2013 <br \/>Rezension Hartmut Rosa: \u201eBeschleunigung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Allen wohlfeilen Gemeinpl\u00e4tzen \u00fcber \u201eunsere immer hektischer werdende Zeit\u201c und den Regalmetern der entsprechenden Bindestrich-Soziologie zum Trotz erweist sich laut Hartmut Rosa das Ph\u00e4nomen \u201eVer\u00e4nderungen gesellschaftlicher Zeitstrukturen in der Moderne\u201c als in gesellschaftstheoretischer Hinsicht erstaunlich wenig erhellt.<!--more--><\/p>\n<p>Zeitsoziologische Werke beschr\u00e4nken sich zumeist auf die Untersuchung einzelner Aspekte des Ph\u00e4nomens und stehen ebenso unverbunden nebeneinander wie neben der \u00fcbrigen soziologischen Theorie. Kurz gesagt: Der Zeitsoziologie fehlte es bisher an Anschlussf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Deutlich wird dies z.B. am prominentesten Analytiker des Ph\u00e4nomens \u2019Geschwindigkeit\u2018 in der Moderne: Paul Virilio. Seine absichtsvoll irrlichternde <a target=\"_blank\" title=\"Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dromologie\">Dromologie <\/a>verweigert sich dem systematischen Zugriff und beschr\u00e4nkt sich auf Untersuchung der Konsequenzen technologischer Geschwindigkeitssteigerung.<\/p>\n<p>Rosa dagegen will in seiner Habilitationsschrift <a target=\"_blank\" title=\"Beschreibung bei Suhrkamp\" href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/titel\/titel.cfm?bestellnr=29360&#038;hl=Hartmut%20Rosa\"><em>Beschleunigung<\/em> (stw 1760)<\/a> eine systematische Untersuchung moderner Akzelerationstendenzen liefern. Rosas Ziel: \u201e \u2026 ein neues Forschungsparadigma zu stiften, dessen Zentrum die Beschleunigung in den Temporalstrukturen der modernen Gesellschaft ist.\u201c (S. 58). Das wichtigste Ergebnis vorweg: Das gelingt.<\/p>\n<p>Im methodenpluralistischen Zugriff \u2013 unter starker Ber\u00fccksichtigung der verschiedenen Generationen <a target=\"_blank\" title=\"Wikipedia\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kritische_Theorie\">kritischer Theorie<\/a> sowie der <a target=\"_blank\" title=\"Artikel zum systemtheoretischen Subsystem Niklas Luhmann\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niklas_Luhmann\">Systemtheorie<\/a> \u2013 belegt Rosa \u00fcberzeugend seine These, dass \u201esoziale Beschleunigung in der Moderne zu einem sich selbst antreibenden Prozess geworden ist.\u201c (S. 243) Er entwickelt das systematische Instrumentarium zur Differenzierung der unterschiedlichen Aspekte des Ph\u00e4nomens (wie: technologische Beschleunigung, Wandel der Strukturen und Selbstverh\u00e4ltnisse von Individuen und Kollektiven sowie Steigerung des \u201eLebenstempos\u201c).<\/p>\n<p>In der Zusammenfassung empirischer Ergebnisse liefert er dabei en passant eine treffende Beschreibung des gegenw\u00e4rtigen Zustandes der Industriegesellschaft. (Die auch nicht ohne Witz ist. So wenn er \u201eschneller kauen oder beten\u201c als M\u00f6glichkeiten dem gestiegenen Zeitbedarf der Moderne zu begegnen benennt. S. 135)<\/p>\n<p>Der Erkl\u00e4rungswert seiner Theorie zeigt sich auch daran, dass er die Moderne-typische Dialektik der gleichzeitigen Erfahrung von Beschleunigung der Lebensverh\u00e4ltnisse und kulturellem Stillstand (Letzteres paradigmatisch in Nietzsches \u201eWiederkehr des Immergleichen\u201c formuliert)  erhellen kann.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend reine Betrachtungen der wachsenden Komplexit\u00e4t der Lebenswelt einen qualitativen Bruch zwischen der sog. klassischen Moderne und der als Post- oder Sp\u00e4tmoderne zu beschreibenden Gegenwart nur konstatieren k\u00f6nnen, liefert Rosa ein Kriterium zur Beschreibung besagten Ph\u00e4nomens: Bis Mitte\/Ende des 20. Jahrhunderts erstreckte sich sozialer Wandel \u00fcber die eigene Lebenspanne \u2013 individuelle und kollektive Planung fand in einem generationalen Erwartungshorizont statt.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber ist die Postmoderne durch einen intragenerationalen Wandel lebensweltlicher Randbedingungen (wie Sozialsystem, Gesetzgebung, etc.) gekennzeichnet. Durch diesen Verlust langfristiger Stabilit\u00e4t erscheinen die Ver\u00e4nderungen den Individuen richtungs- und damit sinnlos.  Subjekte und Politik reagieren zunehmend situativ, wodurch die Ausbildung stabiler subjektiver Identit\u00e4ten sowie die Erfahrung von Geschichte im traditionellem Sinne einer linearen Entwicklung verhindert wird.<\/p>\n<p>Die entsprechenden Schlagworte postmoderner Theoriebildung lauten \u201efragmentierte Identit\u00e4t\u201c und \u201eEnde der Geschichte\u201c(Posthistoire) und Rosa kann zeigen, in welchem Rahmen beide Schlagworte ihre Berechtigung haben.<\/p>\n<p>Rosas beschr\u00e4nkt sich \u2013 gem\u00e4\u00df seines Anspruches, eine \u201ekritische Theorie der Beschleunigung\u201c (S. 449) zu entwickeln \u2013 nicht Deskription und Ursachenforschung. Ebenso betrachtet er die Konsequenzen der diagnostizierten Entwicklung f\u00fcr das \u00bbProjekt der Moderne\u00ab.<\/p>\n<p>Womit wir bei den Defiziten der Arbeit w\u00e4ren: So pr\u00e4gnant und konsistent die Beschreibung des untersuchten Ph\u00e4nomens auch ist, am Anspruch mit \u201eBeschleunigung\u201c gewisserma\u00dfen eine Dialektik der Aufkl\u00e4rung f\u00fcr das 21. Jahrhundert abzuliefern,  \u00fcberhebt sich der Autor.<\/p>\n<p>Rosa verzichtet darauf, seinen Gesellschaftsbegriff genauer zu explizieren und wendet ihn gleichsam naiv an. Doch ist gerade bei Betrachtung der als \u201eGlobalisierung\u201c bezeichneten Ver\u00e4nderungen sowie der Konsequenzen von Informations- und Medientechnologie eine Kl\u00e4rung des stark mit dem Konzept des Nationalstaates als quasi autonomer \u00f6konomischer Einheit assoziierten Begriffs \u201eGesellschaft\u201c unabdingbar.<\/p>\n<p>Statt auf \u201eGesellschaft\u201c setzt Rosa \u2013 im Anschluss an Habermas \u2013 auf das \u201eProjekt der Moderne\u201c als zu betrachtende Gr\u00f6\u00dfe.<br \/>\nDer Begriff der Gesellschaft bedarf einer Konkretisierung im Hinblick auf die jeweils betrachtete Epoche und soziale Formation, im Gegensatz dazu erweist sich eine Konkretisierung des \u201eProjektes der Moderne\u201c als schwer m\u00f6glich. Bereits der Zusammenhang der im Epochen-Label \u201eModerne\u201c zusammengefassten sozialen, kulturellen, \u00f6konomischen und technologischen Entwicklungen ist ohne die Betrachtung von Gesellschaft nicht m\u00f6glich. \u201eProjekt\u201c impliziert dann noch eine Intentionalit\u00e4t der Entwicklung, deren historisches Subjekte schwer zu verorten sein d\u00fcrften. Dass die gesellschaftlichen Akteure der Moderne an eben dieser arbeiten, d\u00fcrfte ihnen selbst zumeist nicht bewusst gewesen sein.<\/p>\n<p>Die \u201eProjekt der Moderne\u201c-Metapher allerdings erm\u00f6glicht erst Rosas These, \u201edass soziale Beschleunigung als irreduzibles und tendenziell dominantes Grundprinzip von Moderne und Modernisierung zugleich zu verstehen ist.\u201c (S. 441) Denn Rosa folgert daraus, dass die dominante Form der  \u00d6konomie \u2013 also im Klartext: der Kapitalismus \u2013 als Folge der tendenziell dominanten Beschleunigung zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Entsprechend bem\u00fcht sich Rosa, neben der \u00f6komonischen Entwicklung  andere Faktoren als Motor der Beschleunigung zu bestimmen: (im Anschluss an Virilio) die Entwicklung des Milit\u00e4rs und (unter einem m.E. sehr gro\u00dfz\u00fcgigen R\u00fcckgriff auf Weber) den Prozess der S\u00e4kularisierung.<br \/>\nHier soll zwar keineswegs ein vulg\u00e4r-marxistischen Basis-\u00dcberbau-Modell verteidigt werden, dennoch stellt diese Betrachtungsweise eine gravierende Verwechslung von Ursache und Wirkung \u2013 bzw. Ursache und Wechselwirkung \u2013 dar.<\/p>\n<p>Sicher sind die Temporalstrukturen einer Gesellschaft entscheidend f\u00fcr die \u00dcbersetzung der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse in soziale und individuelle Selbstverh\u00e4ltnisse, die wiederum als weiterer Beschleuniger der \u00d6konomie fungieren. Der Begriff der Gesellschaft macht nur dann Sinn, wenn man Gesellschaft als funktionalen Zusammenhang begreift. Dieser besteht jedoch \u2013 salopp formuliert \u2013 nicht darin, dass alle im gleiche Rhythmus ticken, sondern im Austausch von Waren und Dienstleistungen (oder Kommunikationsakten) zwecks Reproduktion der Gesellschaft.<br \/>\nDie Temporalstrukturen einer Gesellschaft strukturieren zwar die \u00f6konischen und kulturellen Interaktionen, sind aber wiederum durch diese vermittelt.<\/p>\n<p>Wie auch Rosa impliziert, wenn er feststellt, dass der \u201eMechanismus der \u00dcbersetzungsleistung funktionaler Notwendigkeiten [\u2026] in kulturelle Orientierungen jedoch weitgehend r\u00e4tselhaft\u201c in den modernen Gesellschaften westlichen Typs bleibt (S. 480) und damit andeutet, dass die \u00d6konomie eben doch grundlegendere Struktur sozialen Wandels darstellt.<\/p>\n<p>Die Wechselwirkung zwischen Temporalstruksturen als kulturelles und \u00f6konomisches Ph\u00e4nomen einerseits und der \u00d6konomie andererseits dahingehend zu reduzieren, dass die Zeitstrukturen zum dominanten Prinzip erkl\u00e4rt werden, scheint somit auch Rosa in seiner Theorie nicht durchhalten zu k\u00f6nnen. (Ein Aspekt, der allerdings genauerer Untersuchung bed\u00fcrfte.)<\/p>\n<p>Dieser grundlegende Einwand schm\u00e4lert nicht den Wert der systematischen Analyse und den Wert dieser Systematik f\u00fcr Beschreibung und Verst\u00e4ndnis der postmodernen Industriegesellschaft. Sollte unter deren Bedingungen noch die Herausbildung von Klassikern der Gesellschaftstheorie m\u00f6glich sein, hat \u201eBeschleunigung\u201c beste Chancen zum k\u00fcnftigen Kanon gesellschaftstheoretischer Literatur zu geh\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allen wohlfeilen Gemeinpl\u00e4tzen \u00fcber \u201eunsere immer hektischer werdende Zeit\u201c und den Regalmetern der entsprechenden Bindestrich-Soziologie zum Trotz erweist sich laut Hartmut Rosa das Ph\u00e4nomen \u201eVer\u00e4nderungen gesellschaftlicher Zeitstrukturen in der Moderne\u201c als in gesellschaftstheoretischer Hinsicht erstaunlich wenig erhellt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,16,12],"tags":[140,727,139,138,142,144,145,141,143],"class_list":["post-81","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erkenntnis","category-gesellschaft","category-text-kritik","tag-beschleunigung","tag-gesellschaft","tag-gesellschaftstheorie","tag-hartmut-rosa","tag-kritische-theorie","tag-moderne","tag-projekt-der-moderne","tag-soziologie","tag-systemtheorie"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=81"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/81\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=81"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=81"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=81"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}