{"id":65,"date":"2006-08-20T22:31:28","date_gmt":"2006-08-20T20:31:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=65"},"modified":"2006-08-20T22:32:24","modified_gmt":"2006-08-20T20:32:24","slug":"literatur-moral-und-zwiebeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=65","title":{"rendered":"Literatur, Moral und Zwiebeln"},"content":{"rendered":"<p><em>Mein unvermeidlicher Meinungsbeitrag zur \u201eGrass-mit-doppeltem-S\u201c-Debatte.<\/em><\/p>\n<p>Zu jeder anst\u00e4ndigen Literatur-Debatte geh\u00f6rt, dass \u00fcber Literatur nur am Rande debattiert wird (siehe Handke, siehe Bachmannpreis). <!--more-->Dementsprechend ist auch die Frage, ob, nachdem G\u00fcnter Grass beim Zwiebel-H\u00e4uten seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS entdeckt hat, sein \u201eWerk besch\u00e4digt\u201c sei, eher rhetorischer Natur. Zu Recht: Schlie\u00dflich wird durch das Grasssche Coming-Out die \u201eBlechtrommel\u201c nicht schlechter \u2013 und \u201eDie R\u00e4ttin\u201c auch nicht besser.<\/p>\n<p>Unter dem Aspekt pers\u00f6nlicher und kollektiver Vergangenheitsverarbeitung hingegen ist der \u201eFall Grass\u201c aufschlussreich. Mir als einige Dekaden sp\u00e4ter Geborenem hilft sie ein milit\u00e4rhistorisches Mysterium zu l\u00f6sen: Wie das mit dem Angriffskrieg \u00fcberhaupt funktionieren konnte, wenn die deutsche Bev\u00f6lkerung au\u00dfer Hitler, Goebbels und den Angeklagten der N\u00fcrnberger Prozesse nur aus (Stand 9.5.1945) Widerstandsk\u00e4mpfern und \u201eFlakhelfern\u201c bestand. Irgendwer muss schlie\u00dflich mehr als nur \u201ezur\u00fcckgeschossen\u201c haben. Man darf getrost annehmen, dass bei entsprechendem Nachdenken noch weiteren Vertretern der \u201eFlakhelfer-Generation\u201c einfallen k\u00f6nnte, dass ihre Kriegsbeteiligung vielleicht doch ein wenig offensiver war, als es der Wortbestandteil \u201e-helfer\u201c suggeriert.<\/p>\n<p>Die Aufregung nach dem \u201e\u00fcberraschenden Gest\u00e4ndnis\u201c des Nobelpreistr\u00e4gers, in deren Verlauf gleich der Entzug eben jenes Preises sowie diverser Ehrenb\u00fcrgerw\u00fcrden gefordert wurde, erscheint mir jedoch ein wenig \u00fcbertrieben und auch unzeitgem\u00e4\u00df. Denn dass die Zugeh\u00f6rigkeit zu bestimmten Truppenteilen kein zureichendes Kriterium f\u00fcr die Beurteilung individueller Schuld darstellt, darf nach der Wehrmachtsausstellung als bekannt vorausgesetzt werden. Auch der Dienst in der vermeintlich normalen Armee schloss die Beteiligung an Kriegsverbrechen nicht a priori aus und Grass war nach eigenen Angaben weder an Verbrechen beteiligt noch hat er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet.<\/p>\n<p>Gleichwohl seine Begr\u00fcndung f\u00fcr das jahrzehntelanges Schweigen ein wenig mau ausf\u00e4llt: So \u00e4sthetisch diffizil ist das Bekenntnis \u201eIch bin mit siebzehn Jahren zur Waffen-SS eingezogen worden\u201c nun auch wieder nicht, dass es glaubw\u00fcrdig erscheint, er habe bis zum Jahr 2006 nach einer angemessenen Form daf\u00fcr gesucht.<\/p>\n<p>Womit wir beim eigentlichen Kern der Debatte w\u00e4ren: Es erscheint unwahrscheinlich, dass der Moralist G\u00fcnter Grass das Verhaltens des gleichnamigen Schriftstellers nicht scharf kritisiert h\u00e4tte, wenn es sich bei beiden nicht zuf\u00e4llig um dieselbe Person handeln w\u00fcrde (Zwiebelh\u00e4ute hin oder her).<\/p>\n<p>Das ist eine Kritik die sich Grass, wie er auch selbst einr\u00e4umt, gefallen lassen muss. Das Gerede vom Ende der \u201emoralischen Instanz\u201c hingegen ist mit Verlaub ein wenig unverst\u00e4ndlich. Schlie\u00dflich ist der Mann nicht Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft \u2013 nicht einmal Literaturpapst \u2013 sondern  Schriftsteller. Und als solcher hat er nur Leser, keine Gl\u00e4ubigen, die bei Nichtbeachten seiner Verdikte allerh\u00f6chstinstanzlichen \u00c4rger zu bef\u00fcrchten haben.<\/p>\n<p>Grass autobiographisches Bekenntnis so zu behandeln, als habe der Papst sein erstes Mal geschildert, ist somit ebenfalls eine Form von Heuchelei.<\/p>\n<p>Der von mir anfangs eingeforderte Blick auf die literarischen Qualit\u00e4ten des Werkes n\u00e4hrt allerdings den Verdacht, dass die wie auch immer geheuchelte Debatte nicht v\u00f6llig sinnlos ist. Zumindest nach Lekt\u00fcre des Vorabdrucks in der FAZ kann ich <a target=\"_blank\" title=\"Kritik auf Sueddeutsche.de\" href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/artikel\/94\/83011\/\">Ijoma Mangolds Kritik in der SZ<\/a> zustimmen: Wie in Anbetracht des platt-plakativen Titels ja auch schon zu bef\u00fcrchten war, scheint \u201eBeim H\u00e4uten der Zwiebel\u201c keinen Meilenstein der autobiographischen Literatur darzustellen. M\u00f6glicherweise ist die Debatte um das Buch noch das interessanteste daran. Und das ist ja mittlerweile der eigentliche Sinn des Nobelpreises, dass man auch noch Jahre nach seiner Verleihung herzhaft diskutieren kann \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein unvermeidlicher Meinungsbeitrag zur \u201eGrass-mit-doppeltem-S\u201c-Debatte. 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