{"id":32,"date":"2006-03-20T22:18:35","date_gmt":"2006-03-20T21:18:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=32"},"modified":"2006-03-20T22:27:54","modified_gmt":"2006-03-20T21:27:54","slug":"pauls-%e2%80%9epornokrieg%e2%80%9c-oder-wissenschaft-als-kollateralschaden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=32","title":{"rendered":"Pauls \u201ePornokrieg\u201c. Oder: Wissenschaft als Kollateralschaden."},"content":{"rendered":"<p><em>Aus <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,407000,00.html\" target=\"_blank\">gegebenem Anlass<\/a> eine Rezension von Gerhard Pauls \u201eDer Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der &#8216;Operation Irakische Freiheit&#8217;\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Gerhard Pauls 2004 erschienenes \u201eBilder des Krieges. Krieg der Bilder.\u201c gilt \u2013 nicht zu Unrecht \u2013 als \u201eStandardwerk\u201c \u00fcber die Geschichte der Darstellung des Krieges in den modernen Massenmedien. Der j\u00fcngst erschienenen Fortsetzung \u201eDer Bilderkrieg\u201c \u00fcber die mediale Aufbereitung des Irakkrieges 2003 d\u00fcrfte dieser Status jedoch versagt bleiben. <!--more-->Das erstaunlich unsauber lektorierte Buch f\u00e4llt vor allem durch mangelnde Trennsch\u00e4rfe in Analyse und Behandlung der Fakten sowie zum Teil nur noch als absurd zu bezeichnende Widerspr\u00fcche in der Argumentation auf.<\/p>\n<p>Der Kieler Historiker wird seinen offensichtlichen medienkritischen Ambitionen in diesem Werk leider nicht durch den Nachweis entsprechender medientheoretischer Kompetenz gerecht. Statt sachgerechter Argumentation dominiert die Flucht ins Plakative. Schon die \u201eparadoxe Situation\u201c, im welcher sich der Autor durch seine Arbeitsweise w\u00e4hnt: \u201eAlles was in diesem Buch \u00fcber die visuelle Medienberichterstattung (\u2026) geschrieben wird, basiert wiederum fast ausschlie\u00dflich auf dem Material das diese Medien selbst generierten und transportierten.\u201c (S. 13) ist bei genauerer Betrachtung nicht der besonderen Erw\u00e4hnung wert \u2013 es handelt sich schlie\u00dflich um nichts anderes als die Arbeit mit Quellen.<\/p>\n<p>\nMit deren angemessener Interpretation hat Paul so seine Schwierigkeiten: Als Belege f\u00fcr den Erfolg von Colin Powells Pr\u00e4sentation in der von \u201eBildern geblendeten Medienwelt\u201c (S. 38) f\u00fchrt Paul Zitate aus deutschen Zeitungen an, deren vermeintliche Blendung journalistisch sauberem Arbeiten geschuldet ist: der Trennung von Meinung und Kommentar. Die zitierten \u00dcberschriften \u201ePowell: So t\u00e4uscht Saddam\u201c oder \u201ePowell: Irak t\u00e4uscht die Welt\u201c (S.38) geben die Nachricht (die Behauptung des amerikanischen Au\u00dfenministers, er habe Beweise f\u00fcr die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen) wieder. Dass der \u201eKommentator\u201c(ebd.) der FAZ, diese Beweise \u00fcberzeugend findet, ist hingegen eine Meinungs\u00e4u\u00dferung, denn sie findet \u2013 wie Paul ebenso richtig wie f\u00fcr seine Argumentation folgenlos \u2013 bemerkt ja in einem Kommentar statt.<\/p>\n<p>\nSicher gab es auch in der deutschen Presse einen zu unkritischen Umgang mit den vorgeschobenen Kriegsgr\u00fcnden, nur l\u00e4sst sich das an Pauls Beispielen so nicht belegen. So ungenau der Blick auf den Inhalt der Quellen, so unscharf ist auch der Blick auf ihre Herkunft: Ob ein Zitat aus der sog. Qualit\u00e4tspresse, einem privatem Blog, von der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur oder aus der Yellow-Press stammt ist gleich, solange nur m\u00f6glichst plakativ Pauls Thesen gest\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>\nBeispiel: Ein Umfrage-Ergebnis der Freizeit-Illustrierten \u201eBild-Woche\u201c (S. 45) wird als Beleg der These, dass die sog. \u201eshock and awe\u201c-Strategie des US-Milit\u00e4rs eine Form \u201epsychischer Gewaltanwendung gegen\u00fcber dem globalen Publikum\u201c darstelle, herangezogen. Angesichts der Quelle ist zu vermuten, dass das Ergebnis, 33% der Deutschen bef\u00fcrchteten einen dritten Weltkrieg, ebenso aussagekr\u00e4ftig ist, wie die sonst an gleicher Stelle ver\u00f6ffentlichten Erkenntnisse \u00e1 la \u201e48,7% aller Frauen wollen mit George Clooney schlafen\u201c. Wobei \u00fcberhaupt Pedanterie im Umgang mit Fu\u00dfnoten Pauls Sache nicht ist (vgl. z.B. Anmerkung 63 auf S. 200). Selbst die Bild-Woche wird nur aus einer Sekund\u00e4rquelle zitiert.<\/p>\n<p>\nDem \u2013 wohlwollend formuliert \u2013 l\u00e4ssigen Umgang mit den Quellen entspricht der einem wissenschaftlichen Werk nur begrenzt angemessene lockere Umgang mit der Sprache (Die auffallend hohe Zahl an Fehlschreibungen sei nur am Rande erw\u00e4hnt). Wenn in Werken der Geisteswissenschaften der Autor seinen Standpunkt zu erkennen gibt statt entsubjektivierte positive Objektivit\u00e4t vorzugeben, kann dies ein Ausdruck wissenschaftlicher Redlichkeit sein und dem Leser helfen, die Argumente zu bewerten. Und gegen eine treffende Polemik ist nichts einzuwenden, solange diese zur Erkenntnis beitr\u00e4gt. <\/p>\n<p>\nNur treffen Pauls Polemiken nicht: Die Bezeichnung \u201ePowell-Point-Pr\u00e4sentation\u201c (S. 35) f\u00fcr den Auftritt des amerikanischen Au\u00dfenministers vor dem UN-Sicherheitsrat am 5.2.2003 ist noch launig, wenn auch erkl\u00e4rungsarm. Den bekannterma\u00dfen als nur wenig fair und ausbalanciert geltenden US-Nachrichtenkanal \u201eFox News\u201c als \u201einoffiziellen Regierungssender\u201c zu bezeichnen mag im Feuilleton angebracht sein, in einer theoretischen Studie ist es das nicht: Die N\u00e4he zur republikanischen Partei befreit den Sender im Gegensatz zu staatlich gelenkten Medien in Diktaturen nicht von kommerziellen Zw\u00e4ngen. Durch die Polemik wir verdeckte, was an der Berichterstattung von Fox zu untersuchen w\u00e4re: Die komplexen Verflechtungen zwischen Massenmedien und der amtierenden US-Regierung und wie diese funktionieren. Eine M\u00fche, die sich Paul spart: Stattdessen wird der Eindruck gepflegt, CNN und Co. setzten nur ein von Pentagon und Weissem Haus verfasstes Drehbuch um. Raus kommt dabei: \u201eBushs Sport-Show\u201c (S. 56)<\/p>\n<p>\nFalls die kraftmeiernde Metaphorik die Widerspr\u00fcche in Pauls Argumentation verdecken soll, so misslingt dies. Wie bereits von <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2006\/02\/11\/a0061.1\/text\" target=\"_blank\">Claus Leggewie in der <em>taz<\/em><\/a> angemerkt, begibt sich der Autor st\u00e4ndig in einen Widerspruch zu seiner Pr\u00e4misse: \u201edass sich der moderne wie postmoderne Krieg grunds\u00e4tzlich  der visuellen Repr\u00e4sentation entzieht, ja das Nicht-Darstellbare schlechthin ist\u201c (S. 13) und vergisst \u00fcber den von ihm unterstellten Bilderkrieg den realen: F\u00fcr Paul sind die von \u201eBushs \u201ePornokriegern\u201c (S. 220) ver\u00fcbten Folterungen im Bagdader Gef\u00e4ngnisse Abu Ghraib als Teil in einem \u201eschmutzigen Pornokrieg\u201c zu betrachten. Ein Kommentar zu Erkenntnisgehalt und Angemessenheit dieser Formulierung d\u00fcrfte sich er\u00fcbrigen.<\/p>\n<p>\nSowenig Paul auf der sprachlichen und \u2013 ihm fachfremden \u2013 Ebene der Medientheorie \u00fcberzeugen kann, sowenig kann er es auf seinem angestammten Terrain. Von einem Historiker ist zu erwarten, dass er die Medienberichterstattung \u00fcber den  Irak im Hinblick auf die Ereignisse differenziert betrachtet: Aber es scheint f\u00fcr Paul nur einen \u2013 noch andauernden \u2013 Irakkrieg zu geben. Die Bombardierung des Al-Dschasira-B\u00fcros kurz vor der Eroberung Bagdads verortet der Autor am Beginn des Krieges (S. 116). Zwischen der Phase des zwischenstaatlichen Krieges und Kampf zwischen US-Armee und irakischen Beh\u00f6rden gegen verschiedene Gruppen sog. Aufst\u00e4ndischer sowie einzelner Bev\u00f6lkerungsgruppen untereinander wird nicht unterschieden. Dabei macht es gerade im Hinblick auf die Funktionalisierung der Massenmedien durch Interessengruppen einen entscheidenden Unterschied, ob der Krieg zwischen verschiedenen Staaten stattfindet oder es sich um einen B\u00fcrgerkrieg handelt.<\/p>\n<p>\nEs mag Gr\u00fcnde f\u00fcr das Unterlassen der Diskussion seines Verst\u00e4ndnisses des Irakkrieges geben. Sachliche Fehler und falsche Angaben zu Fakten sind jedoch gerade bei einem Historiker unentschuldbar. So stutzt der Leser, wenn Saddam Hussein bereits 1991 die Videos von Bombardierungsopfern via Internet verbreitet haben soll \u2013 was technisch gerade soeben m\u00f6glich jedoch weder praktibel noch sinnvoll gewesen w\u00e4re (Mit gr\u00f6\u00dftem Wohlwollen kann der Satz auch so gelesen werden, dass dies erst sehr viel sp\u00e4ter geschehen sei. Dann jedoch ist die Aussage im Kontext ohne Bedeutung.)<\/p>\n<p>\nVollends grotesk wird der Umgang mit den Fakten, wenn Paul behauptet (S. 170), die an Amerikanern begangenen Leichensch\u00e4ndungen in Falludscha am 1. April 2004 seien eine Reaktion auf die Ver\u00f6ffentlichung der Bilder aus Abu Ghraib am 28. April 2004 (vgl. S. 182). Statt elementarem \u00dcberpr\u00fcfen (hier: Bl\u00e4ttern im eigenen Manuskript) der Fakten begibt sich Paul lieber in das Reich der lustvollen Spekulation und Kritik an der triebhaften Schaulust des gemeinen Publikums \u2013 wird gleichsam selbst zum \u201ePornokrieger\u201c: \u201eDie kursierenden Ger\u00fcchte \u00fcber weitere Folterbilder n\u00e4mlich fachten nur umso mehr die sexuelle Phantasie des Publikums an und mobilisierten vollends dessen eigene innere Bilder.\u201c (ebd.)<\/p>\n<p>Wo derart starke S\u00e4tze bl\u00fchen, darf auf der Einhaltung gewisser wissenschaftlicher Mindeststandards wohl nicht bestanden werden. Vielmehr ist in diesem \u201eBilderkrieg\u201c der wissenschaftliche Wille zu Wahrheit das erste Opfer \u2013 findet Wissenschaft in diesem Werk eigentlich nur noch als Kollateralschaden der \u201ekritischen Ambitionen\u201c des Autors statt. Wie das passieren konnte, bleibt angesichts des Renommees von Autor und Verlag ein R\u00e4tsel. <\/p>\n<p>Paul, Gerhard: Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der &#8216;Operation Irakische Freiheit&#8217;<br \/>\nWallstein Verlag, G\u00f6ttingen 2005, 237 Seiten, 24,00 EUR<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus gegebenem Anlass eine Rezension von Gerhard Pauls \u201eDer Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der &#8216;Operation Irakische Freiheit&#8217;\u201c. Gerhard Pauls 2004 erschienenes \u201eBilder des Krieges. Krieg der Bilder.\u201c gilt \u2013 nicht zu Unrecht \u2013 als \u201eStandardwerk\u201c \u00fcber die Geschichte der Darstellung des Krieges in den modernen Massenmedien. 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