{"id":27,"date":"2006-01-15T18:51:49","date_gmt":"2006-01-15T17:51:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=27"},"modified":"2006-01-16T16:25:16","modified_gmt":"2006-01-16T15:25:16","slug":"%e2%80%9ejarhead%e2%80%9d-%e2%80%93-eine-kriegsfilmverweigerung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=27","title":{"rendered":"\u201eJarhead\u201d \u2013 Eine Kriegsfilmverweigerung."},"content":{"rendered":"<p>Aus Sicht von Filmproduzenten muss \u201eKrieg\u201d ein dankbares Sujet darstellen. Starke Emotionen sind garantiert: Es geht es um Leben und Tod und darf dabei krachen und rumsen, dass es der Special-Effects-Abteilung eine helle Freude ist. Wenn die Welt im Film nur immer so sch\u00f6n einfach sein d\u00fcrfte<!--more-->: Bereits die Uniformen unterscheiden Gut und B\u00f6se und ein m\u00f6glichst einleuchtender Auftrag f\u00fcr den Helden sorgt f\u00fcr eine stringente Story und einfache Vermarktung. Muss eine Weltregion von roten, gelben oder andersfarbigen Armeen befreit werden, kann man einen \u201eaction-geladenen\u201d Kriegsfilm bewerben, schickt der Regisseur seinen Helden zu Erkenntnis der Unmenschlichkeit milit\u00e4rischer Konflikte auf\u2019s Schlachtfeld, so kann den Film als \u201eAntikriegsfilm\u201d verkaufen.\n\t\t<\/p>\n<p>Aus Sicht von Filmproduzenten muss \u201e<a href=\"http:\/\/movies.uip.de\/jarhead\/\" target=\"_blank\">Jarhead<\/a>\u201d von Sam Mendes (\u201eAmerican Beauty\u201d) ein extrem undankbarer Film sein: Statt den Zuschauers mit starken Emotionen zu bedienen, wird eher sein Reflexionsverm\u00f6gen gefordert. \u201cEindeutig\u201d ist in und an diesem Film nur wenig. Weder \u201eKrieg\u201d noch \u201eAnti-\u201d handelt es es sich bei Jarhead um den ersten bekannten Fall von Kriegsfilmverweigerung.<\/p>\n<p>Gleichzeitig in in der Tradition von Coppolas \u201eApocalypse Now\u201d und Kubricks \u201eFull Metal Jacket\u201d stehend wie sich von diesen unterscheidend, gelingt in Jarhead, was laut Vietnam-Kriegs-Reportage-Veteran Michael Herr unm\u00f6glich sein soll: \u201cDem Krieg den Glamour zu nehmen\u201d. So \u201cAnti-\u201d ein Kriegsfilm auch intendiert sein mag: wenn der Zuschauer beginnt, sich mit dem Protagonisten emotional zu identifizieren, wird aus dem pazifistischen Werk Werbung f\u00fcr den Krieg als gro\u00dfes Abenteuer.<\/p>\n<p>Was sich kein Rezensent hat entgehen lassen: Mendes reflektiert das potentielle Umschlagens des Antikriegsfilms in sein Gegenteil. Vor dem Abflug an den Golf bringen sich die Soldaten bei einer Vorf\u00fchrung von Apocalypse Now (die \u201eWalk\u00fcrenritt\u201d-Szene) in Stimmung.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu Apocalypse Now wird deutlich, warum Jarhead aus Filmproduzentensicht ein undankbarer Film sein muss: Wo Coppola buchst\u00e4blich \u201eGro\u00dfe Oper\u201d bietet, setzt Mendes auf die Mittel der Theatermoderne.<\/p>\n<p>Das ist zuallererst dem Thema geschuldet: Der erste Golfkrieg war als \u201eferngesteuerter\u201d Krieg f\u00fcr die amerikanischen Soldaten (und durch die rigide Kontrolle der Medien auch f\u00fcr die weltweite TV-\u00d6ffentlichkeit) ungleich abstrakter als vorangegangene Konflikte.<\/p>\n<p>Wobei Modernit\u00e4t der Mittel mehr bedeutet, als die Leere der W\u00fcste zur B\u00fchne umzudeuten. Zumal die Bildgestaltung des Film streng realistisch im Sinne von sachlich bleibt (Falls der Eindruck erweckt ist, es handele sich bei Jarhead um eine Art \u201eDogville goes Golfkrieg\u201d). Das \u00e4sthetisch Moderne von Jarhead zeigt sich vielmehr im Verzicht auf jegliches Psychologisieren. Der Film ist nicht vollst\u00e4ndig ohne Handlung jedoch ohne \u201eStory\u201d.<\/p>\n<p>Der Film beschreibt die Ver\u00e4nderung seines Protagonisten, ohne dass der Versuch gemacht wird, diese Ver\u00e4nderung auf die k\u00fcchenpsychologische Ebene der Alltagserfahrung herunterzubrechen: Ich-Erz\u00e4hler Swofford (Jake Gyllenhaal) verschlie\u00dft explizit die T\u00fcr zur Vorgeschichte mit schwierigem Elternhaus und Vaterkonflikt, ohne den \u201eHollywood\u201c sonst keine dramatische Handlung erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p>Der (jetzt ist es raus:) vom Theater kommende Regisseur will nicht erkl\u00e4ren sondern zeigen. Von der Erkl\u00e4rung als Bevormundung des Zuschauers hat das moderne Drama schon lange Abschied genommen, im Kino \u2013 dem Mainstream-Kino vor allem \u2013 ist die Beschr\u00e4nkung auf Deskription hingegen nur selten anzutreffen.<\/p>\n<p>Der \u201ePreis\u201d dieser Beschr\u00e4nkung ist die Entt\u00e4uschung der Zuschauererwartung an Eindeutigkeit. Es gibt keine moralische Position des Films, in der das Publikum seine eigene best\u00e4tigt oder abgelehnt finden kann, obwohl dies zumeist vom implizit politischen Genre des Anti-\/Kriegsfilm erwartet wird.<\/p>\n<p>Darin zeigt sich der Film ebenso der \u00e4sthetischen Moderne verpflichtet, wie im Verzicht auf das Angebot der Identifikationsm\u00f6glichkeit, der letzten Endes f\u00fcr den Zuschauer einen Verzicht auf die starke Emotion bedeutet. Wir m\u00f6gen Mendes Protagonisten m\u00f6gen, aber wir leiden nicht mit, wenn er milit\u00e4rtypische Erniedrigungen und M\u00e4nnlichkeitsrituale durchlebt \u2013 auch nicht, wenn er mit dem Grauen des Krieges konfrontiert wird.<\/p>\n<p>Die strenge Beschr\u00e4nkung auf Beobachtung entzieht den Film dem \u201eAnti-\/Kriegsfilm\u201d-Dilemma und nimmt den \u201eGlamour\u201d aus seinem Gegenstand. Die aus der Deskription entstehende Ambivalenz wird zum leitenden Prinzip des Films aus dem er auch seine Spannung entfaltet.<\/p>\n<p>Mendes mag zwar mit Jarhead die Erwartungshaltung der Zuschauer durch die Wahl seiner Mittel entt\u00e4uschen, da er diese aber souver\u00e4n beherrscht, entt\u00e4uscht er die von \u201eAmerican Beauty\u201d geweckten Erwartungen an sein drittes Werk* nicht. Fazit also: Kriegsfilmverweigerung anerkannt!<\/p>\n<p>*(\u00dcber Mendes zweiten Film \u201eRoad to Perdition\u201dkann  mir kein Urteil erlauben kann.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum Sam Mendes \u201eJarhead\u201c weder Krieg- noch Antikriegsfilm aber genau darum gelungen ist.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,11],"tags":[25,24],"class_list":["post-27","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erkenntnis","category-film","tag-jarhead","tag-kino"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}