{"id":221,"date":"2008-03-15T22:05:20","date_gmt":"2008-03-15T20:05:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=221"},"modified":"2008-03-15T22:05:20","modified_gmt":"2008-03-15T20:05:20","slug":"die-moral-von-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=221","title":{"rendered":"Die Moral. Von der Geschichte."},"content":{"rendered":"<p>Zur\u00fcckgekehrt von Max Aues Weg durch den zweiten Weltkrieg lasse ich die \u00f6ffentliche Diskussion der \u201eWohlgesinnten\u201c in Deutschland nochmal Revue passieren und bin verwundert: Die wichtigsten Aspekte scheinen mir in vielen Rezensionen unterbelichtet, die \u00f6ffentliche Rezeption fast ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis. <!--more-->Nach meiner Lekt\u00fcre-Erfahrung handelt es sich bei \u201eDie Wohlgesinnten\u201c nicht \u2013 wie es viele Kritiken nahelegen \u2013 um einen pornographischen Gewalt-Roman \u00fcber den zweiten Weltkrieg sondern um ein sehr moralisches Buch, das vom zweiten Weltkrieg handelt, aber als wichtigstes Thema die moralischen Fragen der Gegenwart hat.<\/p>\n<p>Wie der Autor nicht m\u00fcde wird zu betonen und wie bei durchschnittlich aufmerksamer Lekt\u00fcre des Romans kaum zu \u00fcbersehen ist, stellt der zweite Weltkrieg f\u00fcr Littell vor allem das Modell f\u00fcr seine literarische Frage, seine die M\u00f6glichkeiten unmoralischen Handelns betreffende These dar:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie wirkliche Gefahr f\u00fcr den Menschen bin ich, seid ihr. Wenn ihr davon nicht \u00fcberzeugt seid, braucht ihr nicht weiterzulesen.\u201c 35<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder anders formuliert im Interview:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch m\u00f6chte mit meinem Buch zeigen, dass es heute ethische Wege gibt, denen man folgen kann, dank der Lehren, die wir aus jener Zeit gezogen haben \u2013 obwohl es in den Vereinigten Staaten auch viele junge M\u00e4nner und Frauen gibt, die freiwillig in den Irak ziehen, um Menschen zu foltern.\u201c<br \/>\n(<a href=\"http:\/\/readingroom.faz.net\/littell\/article.php?aid=4&amp;bl=%2Flittell%2Frezensionen.php\" title=\"FAZ\" target=\"_blank\">Interview mit dem Autor im FAZ-Readingroom<\/a>. \u00dcberhaupt sehr aufschlussreich).<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Leser muss sich die vom Autor vorgeschlagene Lesart nicht zu eigen machen, aber m.E. ist diese bei der Lekt\u00fcre doch schwer zu ignorieren: Das gesamte 1. Kapitel dient der Explikation seines Vorhabens und sein Protagonist Aue kehrt im Verlauf des Romans wiederholt zu diesen Fragen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Begreift man den Roman nicht als erz\u00e4hlende Wiedergabe subjektiven Erlebens (bzw. Fiktion desselben), sondern als literarische Versuchsanordnung zur Kl\u00e4rung einer moralischen Frage: \u201eWie konnten Menschen so etwas tun?\u201c und dem Beweis einer These: \u201eNiemand ist davor gesch\u00fctzt, vergleichbares zu tun!\u201c, dann ergeben die verschiedenen, sehr heterogenen Ebenen des Romans ein Ganzes: Die merkw\u00fcrdig hybride \u2013 unrealistische \u2013 Person des Max Aue (wie schon <a href=\"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=217\" title=\"Leselog\">hier<\/a> diskutiert), die Handlung, die diesen zu den historischen Brennpunkten der Gewalt f\u00fchrt, die von einigen Rezensenten als exzessiv empfundenen Gewaltdarstellungen, die Beziehung zwischen Max Aue und seiner Schwester.<\/p>\n<p>Dieses Ganze bleibt in sich widerspr\u00fcchlich und verst\u00f6rend, weil es nur durch das rationale Konstrukt, die Kontinuit\u00e4t der erz\u00e4hlten Handlung und den Verweisen der einzelnen Motive aufeinander (wobei diese Verweise mal rein formal, mal explizit und mal durch inhaltliche Parallelen gegeben werden) und auf das Konstrukt zusammengehalten wird. Aber wie anders als widerspr\u00fcchlich und verst\u00f6rend kann man auf die Fragestellung antworten? Wer behauptete, diese Fragen b\u00fcndig und abschlie\u00dfend zu kl\u00e4ren, m\u00fcsste ein gr\u00f6\u00dferes psychologisches Genie als Sigmund Freud oder ein Scharlatan sein.<\/p>\n<p>Man kann dar\u00fcber diskutieren, ob alles in dem Werk im Sinne seiner Frage auch literarisch notwendig ist und Littell nicht manchmal \u00fcber das Ziel hinausschie\u00dft. Ob es z.B. den Komplex der inzestu\u00f6sen Bindung Aues an seine Schwester in der gegebenen Ausf\u00fchrlichkeit braucht. Nichtsdestotrotz verfehlt eine Diskussion, die sich am vermeintlichen Skandalpotential einzelner Motive (Schilderung aus Sicht des T\u00e4ters, usw., usw.) festmacht, den Kern der Wohlgesinnten.<\/p>\n<p>Definiert man sprachliche Gestaltung und die Vermittlung subjektiver Erfahrung als den eigentlichen Bereich des Literarischen (und erwartet des Holocaust als Thema) erscheint die Aufregung um Littells Roman etwas \u00fcbertrieben. Der Autor setzt seine sprachlichen Mittel gezielt ein, aber etwas formal \u00fcberragend Neues entsteht dabei nicht. Hier liegt ein wichtiger Unterschied zu Imre Kert\u00e9sz \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Roman_eines_Schicksallosen\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\">Roman eines Schicksalslosen<\/a>\u201c oder \u2013 aus der Sicht eines \u201eNachgeborenen\u201c \u2013 Jonathan Safran Foers \u201e<a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/text\/2003\/12\/L-Foer\" title=\"Rezension in der ZEIT\" target=\"_blank\">Everything is illuminated<\/a>\u201c, die beide in einem formalen Sinne \u201emoderner\u201c als Littells Roman (und \u00fcbrigens absolut gro\u00dfartig) sind.<\/p>\n<p>Littells Roman wird (wegen: siehe oben) als \u201eSkandal-Buch\u201c diskutiert. Aber das eigentliche Skandalons des Romans, das die Lekt\u00fcre m.E. so lohnend macht, ist seine These. Insofern diese eine bestimmte Form der Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte st\u00f6rt, bei der er, so will mir scheinen, es prim\u00e4r um die Selbstvergewisserung der eigener moralischen \u00dcberlegenheit geht und die Auseinandersetzung mit der Geschichte derart gerade vermieden werden soll, scheint sich auch ein Teil der heftigen Ablehnung, die der Roman hier erfahren hat, zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Dabei ist seine Aktualit\u00e4t geradezu selbstevident: Die Frage, warum ein so moralisch integer wirkender Mann wie <a href=\"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=65\" title=\"Mein Meinungsbeitrag zu den Zwiebelh\u00e4uten\">G\u00fcnther Grass<\/a> in die Waffen-SS geraten konnte, ist noch nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt, Der Spiegel macht diese Woche mit dem Titel: \u201eDie T\u00e4ter\u201c auf, gerade ist <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/29073.html\" title=\"Perlentaucher\" target=\"_blank\">Jan Phillip Reemtsmas Studie \u201eVertrauen und Gewalt\u201c<\/a> zum Thema erschienen, und die Stichworte Guant\u00e1namo und Darfur d\u00fcrften gen\u00fcgen, um zu zeigen, dass die Frage, wie man zum T\u00e4ter wird, kein Problem darstellt, dass von nur historischem Interesse ist.<\/p>\n<p>Littells Beitrag zu dieser Diskussion besteht darin, die moralische Selbstgewissheit der Leser in Frage zu stellen. Das scheint mir keine kleine Leistung.<\/p>\n<p>(Ach ja: Und da ich knapp 1400 Seiten in etwas \u00fcber zwei Wochen \u201enebenbei\u201c gelesen habe, muss ich das Buch wohl auch als \u201espannend\u201c empfunden haben \u2026)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur\u00fcckgekehrt von Max Aues Weg durch den zweiten Weltkrieg lasse ich die \u00f6ffentliche Diskussion der \u201eWohlgesinnten\u201c in Deutschland nochmal Revue passieren und bin verwundert: Die wichtigsten Aspekte scheinen mir in vielen Rezensionen unterbelichtet, die \u00f6ffentliche Rezeption fast ein gro\u00dfes Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,22,23],"tags":[497,67,729],"class_list":["post-221","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erkenntnis","category-leselog","category-littell","tag-die-wohlgesinnten","tag-literatur","tag-littell"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/221","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=221"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/221\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}