{"id":218,"date":"2008-02-29T22:30:35","date_gmt":"2008-02-29T20:30:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=218"},"modified":"2008-02-29T22:33:20","modified_gmt":"2008-02-29T20:33:20","slug":"%e2%80%9epornographie%e2%80%9c-als-notwendigkeit-eines-literarischen-programms","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=218","title":{"rendered":"\u201ePornographie\u201c als Notwendigkeit eines literarischen Programms"},"content":{"rendered":"<p>Die h\u00e4ufigsten Kritikpunkte an Jonathan Littells <em>Die Wohlgesinnten<\/em> lauten: \u201eKitsch\u201c, \u201ePornographie\u201c und exzessive Gewaltdarstellungen \u00e1 la Splatter-Movie. Die Frage ist: Findet man diese Aspekte in dem Roman, und wenn ja: Handelt es sich tats\u00e4chlich um literarische Unzul\u00e4nglichkeiten?<!--more--><\/p>\n<p>(Nach Lekt\u00fcre der H\u00e4lfte des Romans, scheint mir die Kritik an dem Text vorbeizugehen, die Kritiker \u2013 allen voran <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/08\/L-Littell-Radisch?page=all\" title=\"Sic!\" target=\"_blank\">Iris Radisch<\/a> \u2013 ihn gr\u00fcndlich misszuverstehen.)<\/p>\n<p><em>Die Wohlgesinnten<\/em> sind ein literarisches Experiment, dessen Programm Littell im ersten Kapitel \u2013 eigentlich schon in den <a href=\"http:\/\/readingroom.faz.net\/littell\/texte.php?tid=1\" title=\"Vorabdruck im FAZ-Reading-Room\" target=\"_blank\">ersten beiden S\u00e4tzen<\/a> \u2013 formuliert und das er dann konsequent durchzieht (zumindest soweit meine Lekt\u00fcre inzwischen fortgeschritten ist).<\/p>\n<p>Aufgrund der Dimension des Verbrechens kann der Holocaust nicht einfach als Werk von Psychopathen erkl\u00e4rt werden. Bei einem Gro\u00dfteil der an der Durchf\u00fchrung und Organsiation der Verbrechen beteiligten muss es sich um sogenannte \u201enormale\u201c Menschen gehandelt haben. Wie konnten zivilisierte, empfindsame Menschen diese Verbrechen begehen, wie konnten sie ihre Taten \u00fcberhaupt selbst ertragen? Und im Umkehrschluss: Wenn der Holocaust das Werk zivilisierter Menschen ist, m\u00fcssen wir dann nicht annehmen, dass auch alle anderen zivilisierten Menschen \u2013 also auch wir \u2013 in der Lage sind, \u00e4hnliche Taten zu begehen?<\/p>\n<p>Alle Aspekte des Werkes scheinen konsequent auf diese literarische Versuchsanordnung hin angelegt zu sein: die Person des Protagonisten, die Sprache, die expliziten Darstellungen Aues sexueller Phantasien, das detaillierten Ausmalen der Gewalt \u2013 wobei insbesondere aus den beiden letztgenannten Aspekten der Pornographie-Vorwurf resultiert.<\/p>\n<p>Das subjektive Erleben ist der Bereich der Literatur. Wer die Frage nach den T\u00e4tern stellt, die Frage wie diese ihre Taten \u00fcberhaupt ertragen konnten, muss die Taten schildern. Der Verweis auf die Statistik f\u00fchrt dabei ebensowenig weiter wie der auf die aus Film, Fernsehen und Geschichtstunterricht bekannten Tatsachen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas Fernsehen \u00fcbersch\u00fcttet uns mit Zahlen, die nicht mit Nullen geizen. Aber wer von Euch h\u00e4lt einmal inne, um sich die Zahlen wirklich zu vergegenw\u00e4rtigen?\u201c [S.24]<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Wort wie \u201eExekution\u201c abstrahiert \u2013 Littell aber will seinen Protagonisten \u2013 und damit auch den Leser \u2013 mit der Gewalt des Geschehens konfrontieren. Der Schock-Effekt der expliziten Schilderungen ist gewollt und Teil des literarischen Konzepts. Der Begriff \u201ePornographie\u201c (im Gegensatz zur \u201eErotik\u201c) ist in diesem Sinne zutreffend, denn in der Tat lassen die Schilderungen der Phantasie wenig Raum. Allerdings: Was w\u00e4re die Alternative? Eine weniger detaillierte, mehrdeutigere, gleichsam \u201epoetischere\u201c Schilderung der Gr\u00e4uel w\u00e4re vielleicht weniger \u201epornographisch\u201c dennoch ungleich obsz\u00f6ner.<\/p>\n<p>Littell \u2013 Jahrgang 1967 \u2013 schildert aus der Distanz des Danach-Geborenen (und wahrscheinlich kann er nur als solcher \u2013 unbelastet von pers\u00f6nlichen Traumata \u2013 die Verbrechen derart explizit und detailreich schildern). Max Aues Krieg ist Littells Kriegsphantasie, gespeist aus seinen Recherchen und medialen Klischees.<\/p>\n<p>Daraus kann man ihm keinen Vorwurf machen: <em>Die Wohlgesinnten<\/em> sind ein fiktionales Werk und ein historischer Roman hat einen anderen Anspruch auf Wahrheit (n\u00e4mlich der k\u00fcnstlerischen) als ein Augenzeugenbericht. (Es hat ja wohl auch noch nie jemanden gest\u00f6rt, dass Umberto Eco <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Name_der_Rose\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\">kein mittelalterlicher M\u00f6nch<\/a> ist \u2026).<\/p>\n<p>Dass der Aues \u201eBericht\u201c auch da, wo er den Stand der historischen Forschung repr\u00e4sentiert, notwendig ein Bericht aus zweiter Hand bleiben muss, thematisiert Littell dabei sowohl im- als auch explizit. Explizit am Beispiel des Berichtes seines Freundes Thomas \u00fcber Aues Verwundung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e&#8230; eine Erz\u00e4hlung, sicherlich wahrheitsgem\u00e4\u00df, aber eben doch nur eine Erz\u00e4hlung &#8230;\u201c [S.613]<\/p><\/blockquote>\n<p>Implizit, wenn er den Roman mit Verweisen auf die Popul\u00e4rkultur spickt: Auf Stanley Kubricks <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dr._Seltsam\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\"><em>Dr. Seltsam<\/em><\/a> oder den Bond-B\u00f6sewicht <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Blofeld\" title=\"Der Eintrag ist in der englischen Wikipedia ist einfach besser\" target=\"_blank\">Blofeld<\/a>. [Vgl. S.639]<\/p>\n<p>\u201ePornographie\u201c finden aber die Kritiker nicht nur im \u00fcbertragenen Sinne im Zusammenhang mit der Schilderung von Gewalt in den Wohlgesinnten. Auch der Schilderung Aues sexueller Erlebnisse (auf die <a href=\"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=217\" title=\"Leselog Littell, Folge 3\">Funktion der Homosexualit\u00e4t<\/a> bin ich ja schon im Leselog eingegangen) und vor allem seiner sexuellen Phantasien st\u00f6sst einigen Rezensenten sauer auf.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass m\u00f6glichst explizite Schilderung m\u00f6glichst ungew\u00f6hnlicher sexueller Praktiken gemeinhin gerne als Kennzeichen des avantgardistischen Charakters eines literarischen Werkes verstanden wird, ignoriert meines Erachtens der Pornographie-Vorwurf die Funktion der betreffenden Textstellen f\u00fcr  Littells literarisches Konzept.<\/p>\n<p>Indem Littell diese Szenen in N\u00e4he zur Pornographie anlegt (m\u00f6glicherweise auf die sexuelle Erregung des Lesers spekuliert) versucht er den Leser im Sinne seiner literarischen These gleichsam bei den Eiern zu packen. Aue erkennt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas ekelte mich an und beunruhigte mich zugleich, weil ich nun wusste, dass auch das &#8230; in mir lebte und dass meine Liebe auch daraus bestand.\u201c [S.688]<\/p><\/blockquote>\n<p>Das darf der Leser auf sich selbst \u00fcbertragen: Die Sexualit\u00e4t als einerseits sehr stark in der tierischen Natur des Menschen wurzelnder andererseits von einem Netz zum Teil widerspr\u00fcchlicher gesellschaftlicher Konventionen \u00fcberzogener Bereich ist sicher geeignet, das pers\u00f6nliche Postulat einer moralischen \u00dcberlegenheit einer selbstkritischen Pr\u00fcfung (mit wahrscheinlichem negativem Ausgang: Es werfe den ersten Stein, wer ohne \u2013 zumindest gedachte \u2013 \u201eS\u00fcnde\u201c ist) zu unterziehen.<\/p>\n<p>Dieses Verfahren kann man als literarischen Taschenspieler-Trick oder Raffinesse des Autors werten \u2013 es ohne Anerkenntnis als \u201ePornographie\u201c zu verwerfen, erscheint mir aber zu billig. Wie mir \u00fcberhaupt die zahlreichen pauschalen Verrisse der <em>Wohlgesinnten <\/em>das eigentliche Skandalon des Romans beharrlichen zu ignorieren versuchen: Seine Behauptung, auch wir, die Leser, h\u00e4tten zum T\u00e4ter werden k\u00f6nnen, k\u00f6nnten zum T\u00e4ter werden \u2026<\/p>\n<p>Anmerkung:<br \/>\nAlle Seitenangaben und Zitate soweit nicht anders angegeben:<br \/>\nLittell, Jonathan: <em>Die Wohlgesinnten.<\/em> Berlin 2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die h\u00e4ufigsten Kritikpunkte an Jonathan Littells Die Wohlgesinnten lauten: \u201eKitsch\u201c, \u201ePornographie\u201c und exzessive Gewaltdarstellungen \u00e1 la Splatter-Movie. 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