{"id":217,"date":"2008-02-25T16:56:44","date_gmt":"2008-02-25T14:56:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=217"},"modified":"2008-02-25T16:56:44","modified_gmt":"2008-02-25T14:56:44","slug":"aue-anders-andersrum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=217","title":{"rendered":"Aue: Anders andersrum"},"content":{"rendered":"<p>Ein paar Beobachtungen (Erkenntnisse?) zu Littells Hauptfigur Max Aue. Aue ist \u2013 darauf wurde in vielen Rezensionen hingewiesen \u2013 eine unwahrscheinliche, eher unrealististische Figur: Gebildet, schwul und \u201edennoch\u201c Angeh\u00f6riger der SS, der den Massenmord organisiert und zum Teil auch selbst ausf\u00fchrt. Aue ist mit Sicherheit kein \u201eexemplarischer\u201c (sofern es denn sowas gibt) T\u00e4ter des 3. Reiches .<!--more--><\/p>\n<p>Im Rahmen von Littells in Interviews und \u00fcber seinen Protagonisten verk\u00fcndeten Programms \u2013 zu zeigen, wie buchst\u00e4blich niemand davor gefeit ist, im Rahmen der Zeitl\u00e4ufte unmenschliche Taten zu ver\u00fcben, erf\u00fcllt diese scheinbar hybride \u2013 \u201ehalb unbelehrbarer Faschist, halb reuiger S\u00fcnder\u201c [S.29] \u2013 Konstruktion Aues aber ihren Sinn.<\/p>\n<p>Littell schildert Planung, Umsetzung und Ausf\u00fchrung des Massenmordes ebenso detailliert wie ausf\u00fchrlich. Dabei entwirft er ein Panoptikum verschiedener T\u00e4tertypen: Sadisten und B\u00fcrokraten, gedankenlose und skrupol\u00f6se M\u00f6rder, Gebildetete und Ungebildetete, einfache Soldaten und hohe NS-Schergen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend viele durchaus den Erwartungen des mit Vorwissen ausgestatteten Lesers entsprechen, verst\u00f6rt Aue durch seine Widerspr\u00fcche: Die Figur scheint im Gegensatz zu einem Gro\u00dfteil des \u00fcbrigen Roman-Personals in erster Linie durch ihre literarische Funktion bestimmt: An Aue soll die \u201eThese\u201c des Romans belegt werden.<\/p>\n<p>Aue erscheint weder als Sympathie-Tr\u00e4ger noch wirklich  abstossend. Indem Littell den Roman als Lebensbericht seines Protagonisten anlegt, folgt er einem alten Hitchcockschen Rezept: Das Geschehen aus der Perspektive des T\u00e4ters zu zeigen, beg\u00fcnstigt \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob wir uns ansonsten in ihm erkennen k\u00f6nnen \u2013 die Identifikation mit ihm. Man beginnt mit fortschreitender Lekt\u00fcre die Logik der Person nachzuvollziehen, man beginnt \u2013 und das scheint vom Autor beabsichtigt \u2013 Aue zu verstehen.<\/p>\n<p>Im Rahmen der vom Autor vorgeschlagenen Lesart des Romans erf\u00fcllen Aues Bildung und seine Homosexualit\u00e4t dabei ihre Funktion: Aue f\u00fchlt sich durch seine Bildung (die eher im Sinne von hohem Bildungsgrad als von Bildung im emphatischen Sinne zu verstehen ist) und Reflektionsverm\u00f6gen seinen Mitt\u00e4tern moralisch \u00fcberlegen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch beobachte und tue nichts, das ist meine Lieblingsrolle.\u201c [S.358]<\/p><\/blockquote>\n<p>Er rechtfertigt sein Handeln als intellektuelles Experiment, der vermeintlichen Kleingeistigkeit seiner Mitmenschen entgegengesetzt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSeit meiner Kindheit trieb mich der leidenschaftliche Wunsch nach dem Absoluten und nach Grenz\u00fcberschreitung.\u201c [S.137]<\/p><\/blockquote>\n<p>Wozu auch geh\u00f6rt, dass der Mord aus tiefster Bejahung und tiefstem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Ideologie ausgef\u00fchrt werden soll:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWenn man ihnen [den Befehlen] blo\u00df aus preu\u00dfischem Gehorsam folgte, ohne sie zu verstehen, \u2026 war man lediglich ein Schaf, ein Sklave und kein Mensch.\u201c [S.147]<\/p><\/blockquote>\n<p>Aues Kultiviertheit hindert ihn nicht, am Massenmord teilzunehmen. Im Gegenteil: Sie hilft ihm, seine Taten vor sich zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>In diesem Rahmen wird auch die Funktion von Aues Homosexualtit\u00e4t verst\u00e4ndlich. Der \u201eschwule Nazi\u201c ist ein altbekanntes Topos (z.B. In B-Movies): Sexuelle Devianz \u2013 \u201ePerversion\u201c \u2013 dient zur Kennzeichnung und \u201eErkl\u00e4rung\u201c des metaphysischen B\u00f6sen. Der Etabliertheitsgrad dieses Vorurteils l\u00e4sst sich daran ablesen, dass Thomas Pynchon \u2013 der sich in seinem literarischen Spiel nur echter \u201eQualit\u00e4ts-Klischees\u201c bedient \u2013 es in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Pynchon#Die_Enden_der_Parabel\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\"><em>Die Enden der Parabel<\/em><\/a> aufgreift. Auch Littell erinnert an das Vorurteil, wenn er Aue \u00fcber den Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Heydrich feststellen l\u00e4sst:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEr machte auf mich einen verwirrend effemenierten Eindruck, was ihn nur noch unheimlicher wirken lie\u00df.\u201c [S.81]<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass Aue schwul ist, steigert dagegen nicht den Eindruck seiner Monstr\u00f6sit\u00e4t sondern dient paradoxerweise vielmehr der Darstellung seiner Normalit\u00e4t [Vgl. S.38 und <a href=\"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=216\" title=\"Folge 2 des Leselogs\">hier<\/a>]. Aue ist nicht das personifizierte B\u00f6se, Aue ist Karrierist.<\/p>\n<p>Seine Homosexualit\u00e4t macht ihn erpressbar und wird, als er in der N\u00e4he eines Berlin-bekannten Schwulen-Treffpunkts von der Polizei aufgegriffen wird, zum Anlass seines Eintritts in den Sicherheitsdienst.<\/p>\n<p>Sie f\u00fcgt sich \u2013 gerade in dieser ironischen Wendung, dass die Abweichung zum Anfang von Aues Karriere bei der Vernichtung des Abweichenden wird \u2013 in den von Littell (bzw. seinem Protagonisten proklamierten Plan), zu erz\u00e4hlen, wie buchst\u00e4blich jeder in die M\u00fchlen der Geschichte geraten kann.<\/p>\n<p>Und ebenso andersrum: Aue, dessen Verh\u00e4ltnis zu seiner Sexualit\u00e4t ebenso entfremdet erscheint, wie ein Gro\u00dfteil seines Handelns, integriert seine Homosexualit\u00e4t in sein nationalsozialistisches Weltbild. Zumindest kann er, wenn es darum geht, einen anderen SS-Angeh\u00f6rigen zur gemeinsamen Aus\u00fcbung mann-m\u00e4nnlicher Liebe zu gewinnen \u2013 unter dem unvermeidlichen R\u00fcckgriff auf <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Gastmahl_%28Platon%29\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\">Platons <em>Gastmahl<\/em> <\/a>und Alexander den Gro\u00dfen \u2013 eine Theorie entwickeln, warum Homosexualit\u00e4t im besten Einklang mit der NS-Ideologie steht. [Vgl. S.281ff.]<\/p>\n<p>Es kommt nicht darauf an, wie historisch wahrscheinlich oder schl\u00fcssig die Figur Aues ist. Ihre Funktion f\u00fcr den Roman beruht darauf, dass sie den Erwartungen des Lesers an die Figur eines SS-Schergen m\u00f6glichst widerspricht.<\/p>\n<p>Was mir auch im Hinblick auf den \u201eGegenwartsbezug\u201c der <em>Wohlgesinnten<\/em> wichtig erscheint. Aber das ist ein anderes Thema, das ein andermal im Leselog behandelt werden soll.<\/p>\n<p>Ansonsten gilt wie immer an dieser Stelle: Alle Erkenntnis ist vorl\u00e4ufig \u2013 Stay tuned.<\/p>\n<p>Anmerkung:<br \/>\nAlle Seitenangaben und Zitate soweit nicht anders angegeben:<br \/>\nLittell, Jonathan: <em>Die Wohlgesinnten.<\/em> Berlin 2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar Beobachtungen (Erkenntnisse?) zu Littells Hauptfigur Max Aue. Aue ist \u2013 darauf wurde in vielen Rezensionen hingewiesen \u2013 eine unwahrscheinliche, eher unrealististische Figur: Gebildet, schwul und \u201edennoch\u201c Angeh\u00f6riger der SS, der den Massenmord organisiert und zum Teil auch selbst ausf\u00fchrt. Aue ist mit Sicherheit kein \u201eexemplarischer\u201c (sofern es denn sowas gibt) T\u00e4ter des 3. 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