{"id":216,"date":"2008-02-23T21:49:22","date_gmt":"2008-02-23T19:49:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=216"},"modified":"2008-02-25T16:49:08","modified_gmt":"2008-02-25T14:49:08","slug":"%e2%80%9eich-bin-wie-ihr%e2%80%9d","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=216","title":{"rendered":"\u201eIch bin wie ihr.\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Okay, so sonderlich originell ist <a href=\"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=215\" title=\"Erster Teil des Leselogs: Littell\">meine Hypothese<\/a> nicht: Schlie\u00dflich wird Littell im ersten Kapitel nicht m\u00fcde, das gleichsam Allgemein-Menschliche seines Ich-Erz\u00e4hlers Max Aue zu betonen. (Vielleicht h\u00e4tte ich nicht nur den Teil 1 des Vorabdruckes im FAZ-Reading-Room lesen sollen &#8230;)<\/p>\n<blockquote><p>\u201eTrotzdem k\u00f6nntet ihr euch sagen, dass ihr das, was ich getan habe, genauso h\u00e4ttet tun k\u00f6nnen.\u201c [S.33. Siehe auch u.a. S.15, S.35]<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>\u201eIch bin wie ihr.\u201c [S.39]<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Banalit\u00e4t des Ich-Erz\u00e4hlers scheint dabei ein wichtiges literarisches Mittel, die Normalit\u00e4t \u2013 die Nicht-Monstr\u00f6sit\u00e4t \u2013 Aues darzustellen. Wobei ich nach Lekt\u00fcre der ersten 40 Seiten im Gegensatz zu vielen Rezensenten in Aue auch keinen Feingeist zu erkennen mag. Vielmehr<!--more--> eine grundbanale Person, die gerne Feingeist w\u00e4re \u2013 allein es haben dazu (bzw. zum Pianisten) Talent und Ambition dann doch nicht gereicht.<\/p>\n<p>Auch die besonders heftig diskutierten \u201ePerversionen\u201c des Protagonisten scheinen mir der Darstellung seiner Banalit\u00e4t zu dienen: Es soll kein gerade idealtypischer T\u00e4ter konstruiert werden, sondern eine Person, deren Normalit\u00e4t sich gerade an den zu dieser geh\u00f6renden Abweichungen von der Norm zeigt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDoch warum h\u00e4tte nicht auch ein SS-Obersturmbannf\u00fchrer ein Innenleben haben sollen, Begierden und Leidenschaften wie alle anderen. [\u2026] Keiner war typischer als irgendein Mensch in irgendeinem Beruf.\u201c [S.38]<\/p><\/blockquote>\n<p>(Wobei er in der Summe von Verdauungsst\u00f6rungen, inzestu\u00f6sem Verlangen nach seiner Schwester und Homosexualit\u00e4t eine gewisserma\u00dfen \u00fcberdeterminierte Kunstfigur darstellt.)<\/p>\n<p>Desweiteren scheint mir in den Rezensionen der vermeintlich historische Charakter des Werkes \u00fcberbetont zu sein. Aue greift zur Erkl\u00e4rung seines Handelns explizit auf die Marxsche Kategorie der Entfremdung zur\u00fcck, die entfremdete Arbeit in Aues Spitzenfabrik wird mit dem industrialisierten Mord verglichen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWie der Arbeiter nach Marx dem Produkt seiner Arbeit entfremdet wird, so wird der Befehlsempf\u00e4nger im Genozid oder im totalen Krieg moderner Pr\u00e4gung dem Produkt seines Handelns entfremdet.\u201c [S.31]<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber die Kategorie der Entfremdung wird das historische Geschehen wieder in Bezug zur Gegenwart gebracht, denn ohne Zweifel sind Arbeits- und Lebenswelt der Gegenwart auch noch mit dieser Kategorie zu beschreiben.<\/p>\n<p>Ob es sich dabei um ein eigenst\u00e4ndiges Motiv handelt, Littell nur zeigen will, dass er auch die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dialektik_der_Aufkl\u00e4rung\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\"><em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em><\/a> gelesen hat oder Entfremdung nur ein weiteres Mittel ist, die Distanz zwischen Leser und Erz\u00e4hler zu verringern, muss die weitere Lekt\u00fcre zeigen. Ebenso, ob die Spitzen die Aue fabriziert, eine weiterreichende metaphorische Funktion haben, denn:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Saal ist dunkel, die schmutzigen Fensterscheiben sind blau gestrichen, weil die Spitzen empfindlich sind, sie vertragen kein Licht, und der bl\u00e4uliche D\u00e4mmerschein beruhigt mein Gem\u00fct.\u201c [S.17]<\/p><\/blockquote>\n<p>Vielleicht liege ich mit meinen Vermutungen auch v\u00f6llig falsch. Was aber nichts macht, denn der Sinn des Unternehmens \u201eLeselog\u201c soll darin liegen, dass interpretierende Herantasten an einen Text mit allen Irrungen und Wirrungen f\u00fcr Leser (und auch den Autor) dieses Blogs transparent zu machen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne: Stay tuned.<\/p>\n<p>Anmerkung:<\/p>\n<p>Alle Seitenangaben und Zitate soweit nicht anders angegeben:<br \/>\nLittell, Jonathan: <em>Die Wohlgesinnten.<\/em> Berlin 2008.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Okay, so sonderlich originell ist meine Hypothese nicht: Schlie\u00dflich wird Littell im ersten Kapitel nicht m\u00fcde, das gleichsam Allgemein-Menschliche seines Ich-Erz\u00e4hlers Max Aue zu betonen. (Vielleicht h\u00e4tte ich nicht nur den Teil 1 des Vorabdruckes im FAZ-Reading-Room lesen sollen &#8230;) \u201eTrotzdem k\u00f6nntet ihr euch sagen, dass ihr das, was ich getan habe, genauso h\u00e4ttet tun [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,22,23],"tags":[497,67,729],"class_list":["post-216","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erkenntnis","category-leselog","category-littell","tag-die-wohlgesinnten","tag-literatur","tag-littell"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=216"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/216\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=216"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=216"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}