{"id":168,"date":"2007-07-04T01:14:37","date_gmt":"2007-07-03T23:14:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=168"},"modified":"2007-07-04T01:14:37","modified_gmt":"2007-07-03T23:14:37","slug":"klage-nach-%e2%80%9eklagenfurt%e2%80%9c-kein-grund-zu-klagen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=168","title":{"rendered":"Klage nach \u201eKlagenfurt\u201c: Kein Grund zu Klagen."},"content":{"rendered":"<p>Wie <a href=\"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/?p=166\" title=\"Mein Klagenfurt Nicht-Vorbericht\">leicht vorauszusehen<\/a> hat der Autor dieses Blogs sein Wochenende <strike>dem \u201eGrand Prix de la Chans\u2026\u201c<\/strike> dem Bachmannpreis gewidmet. Die <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/information\/stories\/204061\/\" title=\"Siegerliste\" target=\"_blank\">Sieger<\/a> d\u00fcrften den Lesern bereits aus Tagespresse, oder Fernsehen bekannt sein. Ebenso wie die diesj\u00e4hrige Klage des Feuilletons, dass es so wenig Grund zum Klagen gab. Dabei geh\u00f6ren N\u00f6rgeln und Nachtreten zum Klagenfurter Ritual wie 12 griechische Punkte f\u00fcr Zypern zum <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eurovision_Song_Contest\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\">Eurovisions Contest<\/a>. Mal sehen, ob ich da nicht was machen kann: Einige Bemerkungen zu den Sieger- und anderen Texten, ein Veriss und (das Beste zum Schluss) zur Jury.<!--more--><\/p>\n<p>[Titel sind zu denjeweiligen Bachmann-Seiten verlinkt.]<\/p>\n<p class=\"p2\">&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/autoren\/stories\/195917\/\" title=\"Autorenseite auf der Website des Bachmannpreises\" target=\"_blank\">Lutz Seiler: Turksib.<\/a> (Bachmannpreis)<\/strong><\/p>\n<p>Der Sieg von Lutz Seilers sauber gearbeiteten und sprachpr\u00e4zisen Text \u201eTurksib\u201c geht in Ordnung. Die Texte von PeterLicht und Thomas Stangl waren dennoch st\u00e4rker. Bei Seiler st\u00f6ren mich drei Punkte: Der Text ist ein Auszug aus einem l\u00e4ngeren Prosatext und das merkt man ihm auch an. Zumindest f\u00fcr mich funktioniert der Ausschnitt nicht richtig als Short Story und dass der Held am Ende die \u00dcbersetzerin v\u00f6gelt, erscheint mir auch nicht unbedingt zwingend. Und wie beim (ja auch \u00e4u\u00dferst beliebten) Thema \u201eSchriftsteller auf gro\u00dfer Fahrt\u201c so h\u00e4ufig, scheint mir auch hier die Gefahr zu bestehen, dass der Autor seinen Protagonisten nur deshalb auf die Reise schickt, um darzustellen, was f\u00fcr ein toller, weltgewandter Hecht der Autor doch ist. Nichtsdestotrotz: Ein sauberer Text, der durchaus Lust auf das vollst\u00e4ndige Werk macht.<\/p>\n<p class=\"p2\">&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/autoren\/stories\/195915\/\" target=\"_blank\">Thomas Stangl<\/a>: (ohne Titel) \u2013 \u201eTelekom Austriapreis\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Stangls absolut hermetischer, suggestiver Text, konsequent moderner Text hat mich wesentlich mehr begeistert als Seilers realistische Reiseerz\u00e4hlung. Die Modernit\u00e4t kann man ihm allerdings auch vorwerfen, denn er bleibt der Tradition, in der steht (Stichwort: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nouveau_Roman\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\">\u201eNouveau Roman\u201c<\/a>), doch sehr stark verhaftet. F\u00fcr die Einen ist es \u201eModerne\u201c, f\u00fcr die Anderen (wie Jury-Mitglied Ernst Corino) ist es \u201eunsinnlich\u201c. Beim gegenw\u00e4rtigen Trend zum gef\u00e4lligen Realismus wird Stangl wohl trotz zweitem Platz beim Bachmannpreis nicht zum Bestsellerautor aufsteigen.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/autoren\/stories\/195931\/\" target=\"_blank\">PeterLicht<\/a>: \u201eMeine Einsch\u00e4tzung am Anfang des dritten Jahrtausends.\u201c (3sat-Preis und Publikumspreis)<\/strong><\/p>\n<p>(F\u00fcr mich) Der beste Text: PeterLicht ist ein Virtuose der Kombination verschiedener Sprachebenen und erzielt durch die \u00fcberraschende Variation weniger Prinzipien in seinem Text maximale Wirkung. Und Stichwort \u201e<a href=\"http:\/\/damals.peterlicht.de\/video\/sonnendeck.rpm\" title=\"Video (Leider nur RealPlayer)\" target=\"_blank\">Sonnendeck<\/a>\u201c: Lichts Text ist auch ungeheuer witzig. Dabei ist Lichts Komik literarisches Mittel, kein Selbstzweck. Weder macht sich Licht auf Kosten Dritter lustig, noch ist sein Werk satirisch. Seine Komik zielt auf die Stelle, wo es dem Leser\/Zuschauer\/-h\u00f6rer weh tut. Sein Thema ist das in st\u00e4ndiger Gefahr der Besch\u00e4digung stehende Leben im Alltag der Sp\u00e4tmoderne.<\/p>\n<p>K\u00fcrzer als an seinem Klagenfurt-Text l\u00e4sst sich das an einer Szene aus seinem letzj\u00e4hrigen Konzert im <a href=\"http:\/\/www.literarischer-salon.uni-hannover.de\/\" title=\"Homepage\" target=\"_blank\">Literarischen Salon der Uni Hannover<\/a> illustrieren: Unter Zuhilfenahme seminargerecht verteilter Arbeitsbl\u00e4tter studierte Licht mit dem Publikum, das zum gro\u00dfen Teil aus Studierenden bestand, das Lied \u201eWir sind jung und wir machen uns Sorgen \u00fcber unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt\u201c ein: \u201e [\u2026] das ist alles so ungerecht denn wir haben immer unsere Hausaufgaben gemacht und alle Vorraussetzungen erf\u00fcllt, uns sogar spezialisiert \u2026\u201c. Gro\u00dfes Dada.<\/p>\n<p>Nach einem \u00e4hnlichen Prinzip funktionierte sein Klagenfurt-Text und war damit wesentlich origin\u00e4rer als alle anderen Texte.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/autoren\/stories\/195969\/\">Jan B\u00f6ttcher<\/a>: Freundw\u00e4rts (Ernst-Willner-Preis)<\/strong><\/p>\n<p>B\u00f6ttchers Text war ohne handwerkliche Fehler, aber f\u00fcr meinen Geschmack ein bisschen zu konstruiert und auch zu lahm. Immerhin: Wenn Westautoren origin\u00e4re DDR-Erfahrung simulieren, liegt der literarische <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/10201.html\" title=\"Link zu einem wirklich tragischen Beispiel\" target=\"_blank\">Totalverlust<\/a> meist nicht fern. Eine Klippe, die B\u00f6ttcher souver\u00e4n umschiffte. (Ach ja: Auch B\u00f6ttcher ist \u201ePopmusiker\u201c, aber die H\u00f6rproben auf der Website seiner <a href=\"http:\/\/www.herr-nilsson.de\/diskografie.html\" title=\"H\u00f6rproben bei Herrn Nillson\" target=\"_blank\">Band \u201eHerr Nillson\u201c<\/a> erinnerten mich eher an Reinhardt Mey \u2026)<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/autoren\/stories\/195920\/\" target=\"_blank\">Jochen Schmidt<\/a>: Abschied aus einer Umlaufbahn<\/strong><\/p>\n<p>Knapp ohne Preis, aber mit viel Sympathie von den Juroren und noch mehr im mont\u00e4glichen Feuilleton wurde Jochen Schmidts Erz\u00e4hlung eines Kosmonauten-Suizids aufgenommen. Der Sympathie und der Wertung des Textes als am\u00fcsant und \u201ehochintelligent\u201c will ich mich gerne anschlie\u00dfen. Dass Schmidt zum Ende preislos blieb, scheint mir dennoch gerechtfertigt: Der Autor erkl\u00e4rt zuviel, der Text birgt kein Geheimnis. Der Bezug auf David Bowies \u201e<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=D67kmFzSh_o\" title=\"Fr\u00fches Video. Meine L\u00e4ngenangabe bezieht sich auf eine andere Version.\" target=\"_blank\">Space Odditiy<\/a>\u201c ist offensichtlich und im direkten Vergleich schneidet Schmidt dann eben schlechter ab: Bowie gelingt es, in 5 Minuten 30 min mehr zu sagen als Schmidt mit 31.420 Zeichen. Und Text\u00f6konomie sollte auch ein literarisches Kriterium sein \u2026<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/autoren\/stories\/195974\/\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Albrecht<\/a>: von Schl\u00e4fe zu Schl\u00e4fe [Phantombildschirm]<\/strong><\/p>\n<p>Mit gro\u00dfem Krawehl, Krawehl griff (der in Berlin wohnende, aber das ist wohl \u00fcberfl\u00fcssig zu erw\u00e4hnen) Autor in die Mottenkiste vergangener Medien- und Popkulturavantgarden und <a href=\"http:\/\/redir.proxitv.speednet.at:8080\/public\/PKF_getWMVideo.asp?proxy_url=mms:\/\/globalserver.speednet.at\/vod\/orfktn\/bp_2007\/albrecht_les.wmv\" title=\"Video der Lesung (Windows Media)\" target=\"_blank\">performte eine multimediale Lesung<\/a> im Stile der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beat_Generation\" title=\"Wikipedia\" target=\"_blank\">Beat-Generation<\/a>, machte den \u201e<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jBILjdzkpzU\" title=\"Fernsehauftritt Kerouacs auf YouTube\" target=\"_blank\">Keruoac 2.0<\/a>\u201c. Der Blogosph\u00e4re abgelauschte Angliszismen, ein bisschen Photoshop-Prosa hier und ein paar Popzitate da, sollten wohl Aktualit\u00e4t suggerieren. Aber nichts ist so alt, wie die die Zeitgeistigkeit von gestern.<\/p>\n<p>Und: Einen Text mit: \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deleuze\" title=\"Wikipedia-Link f\u00fcr alle, die weder SPEX gelesen haben noch im Poststrukturalismus-Seminar sa\u00dfen \u2026\" target=\"_blank\">Deleuze und Guatarri sagen<\/a>\u201c zu beginnen, mag zwar Ende der Achtziger Jahre noch die Teilnehmer des Poststrukturalismus-Oberseminars in h\u00f6chster Erregung zum Griff an den Hosenschlitz animiert haben \u2013 pr\u00e4tenti\u00f6s war es schon damals und ist es heute erst recht.<\/p>\n<p>Immerhin, die Perfomance hatte Rythmus und zur n\u00e4chsten Vernissage von Multimedia-Objekten wird die ein oder andere Provinz-Galerie den Autor sicher buchen.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/jury\/\" title=\"Die Jury.\" target=\"_blank\">Die Jury:<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Wobei Albrechts Lesung (oder die Lesungen im Allgemeinen) mitnichten den performativen H\u00f6hepunkt der Veranstaltung bildete. Das waren selbstredend die Diskussionen der Jury. Die neun Damen und Herren illustrieren auf Sch\u00f6nste die verbreitetsten Klischees \u00fcber Literaturkritiker und -wissenschaftler (was die meisten von Haus aus sind).<\/p>\n<p>Da prallen nach Herzenslust grunds\u00e4tzlich verschiedene Vorstellungen von Literatur aufeinander, da werden Bildung und eingebildetes Sensorium f\u00fcr den Zeitgeist ausgestellt, dass es eine wahre Freude ist. Die Frage nach dem besten Text ist letztlich ja auch unwichtig, wenn gleichzeitig die Frage nach dem Alpha-Tier der eigenen Zunft gekl\u00e4rt werden kann.<\/p>\n<p>Aber bei all der ausgestellten Besserwisserei \u2013 \u201eich kenn\u2018 ein literarisches Subgenre mehr als Sie\u201c \u2013 bleibt bestimmt auch was beim Zuschauer h\u00e4ngen. Der Bachmannpreis f\u00f6rdert somit nicht nur die Literatur sondern dient auch auf\u2018s Sch\u00f6nste dem \u00f6ffentlichen-rechtlichen Bildungsauftrag. (Wobei ich gar nicht wei\u00df, ob der auch f\u00fcr\u2018s ORF gilt.)<\/p>\n<p>Erst recht, wenn <a href=\"http:\/\/bachmannpreis.orf.at\/bachmannpreis\/jury\/stories\/111024\/\" title=\"Bei soviel Genauigkeit gibt's einen Extra-Link.\" target=\"_blank\">Ernst Corino<\/a> (vom Hessischen Rundfunk) Jochen Schmidt auch noch die Kommunikationsverz\u00f6gerungen im Weltraum auf die Lichtsekunde genau vorrechnet.<\/p>\n<p>Das ist es, was \u201eKlagenfurt\u201c ausmacht: Diese unvergleichliche Mischung aus gro\u00dfen und schlechten Texten, aus \u201ein der Mikrostruktur ganz fein gearbeiteten\u201c Sprachgebilden und solchen, die \u201efast eine Art Zartheit aufweisen\u201c. Aus grenzenloser Begeisterung und ganz kleinem Karo.<\/p>\n<p>Ich freue mich schon auf\u2018s n\u00e4chste Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie leicht vorauszusehen hat der Autor dieses Blogs sein Wochenende dem \u201eGrand Prix de la Chans\u2026\u201c dem Bachmannpreis gewidmet. Die Sieger d\u00fcrften den Lesern bereits aus Tagespresse, oder Fernsehen bekannt sein. Ebenso wie die diesj\u00e4hrige Klage des Feuilletons, dass es so wenig Grund zum Klagen gab. Dabei geh\u00f6ren N\u00f6rgeln und Nachtreten zum Klagenfurter Ritual wie [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[9,12],"tags":[64,391,390,67,389,382,388,387],"class_list":["post-168","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erkenntnis","category-text-kritik","tag-bachmann-preis","tag-jan-bottcher","tag-jochen-schmidt","tag-literatur","tag-lutz-seiler","tag-peter-licht","tag-peterlicht","tag-thomas-stangl"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=168"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.erkenntnis-und-entertainment.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}